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Junge Welt vom 23. Oktober 2006Am
gestrigen Sonntag haben die Vorstände der Wahlalternative WASG und der
Linkspartei.PDS gemeinsam getagt, um Entwürfe für die
Gründungsdokumente zu erarbeiten. Was ist herausgekommen? Bei
der programmatischen Erklärung gab es ein sehr problematisches
Ergebnis. Änderungen waren in der Sitzung nicht mehr möglich, weil, so
das Argument der Mehrheit beider Vorstände, es sich bereits um einen
Kompromiß handele.
Das Problem ist, daß dieser Kompromiß
wesentliche Grundsätze linker Politik aufkündigt. Das fängt dabei an,
daß nicht mehr vom Sozialismus als Ziel der Partei die Rede ist. Bei
aller Kritik an der praktischen Politik der Linkspartei.PDS auf
Landesebene hat zu ihrer Identität bisher immerhin eine Orientierung
auf den Sozialismus und die Aussage gehört, daß man sich im
Kapitalismus nicht einrichten will. Ein sozialistischer Charakter ist
nun definitiv in dem verabschiedeten Dokument nicht mehr enthalten.
Zweitens
gibt es im Abschnitt über Friedenspolitik immerhin Aussagen wie, daß es
keine Auslandseinsätze der Bundeswehr geben darf. Nur wird in den
Nachbemerkungen als offene Frage formuliert, unter welchen Bedingungen
UN-mandatierte Militäreinsätze von uns mitgetragen werden. Nicht einmal
»ob«, sondern »unter welchen Bedingungen«. Damit wird wieder einmal der
friedenspolitische Konsens aufgekündigt.
Wer hat diese Formulierung eingebracht? Ich
hatte auf der letzten Vorstandssitzung der Linkspartei.PDS einen Text
eingebracht, der sich explizit gegen die Beteiligung der Bundeswehr an
UN-Einsätzen aussprach. Der wurde mit der Begründung abgelehnt, diese
Debatte müsse jetzt geführt werden. Danach tauchte diese Frage wieder
im Entwurf der programmatischen Erklärung auf, in dem sie bereits in
einem früheren Stadium der Debatte gestanden hatte, aber nach Kritik
zurückgenommen wurde.
Ansonsten ist der programmatische Text tragbar? Nein.
Ein dritter Punkt ist die Regierungsbeteiligung. Im Manifest von Oskar
Lafontaine und anderen waren akzeptable Mindestbedingungen formuliert,
die nun fehlen. Ich habe zwar nicht die Illusion, daß allein die
Formulierung solcher Bedingungen die Beteiligung an unsäglichen
Regierungen ausschließt. Aber zumindest zieht man mit ihnen eine
Schwelle ein. Auch das ist nicht mehr der Fall. Jetzt heißt es nur sehr
allgemein, daß man mitregieren will, wenn dadurch die Situation der
Menschen verbessert wird. Aber das sagt wahrscheinlich jede Partei.
Auch fehlt ein klares Bekenntnis zum öffentlichen Eigentum.
Ein
vierter Punkt ist schließlich, daß die relativ ausgewogene Position des
PDS-Programms zur Vergangenheit des Sozialismus aufgegeben wird. In den
Eckpunkten wird von den »Herrschenden in Ost und West« gesprochen, was
ich für eine schlimme Gleichsetzung halte.
Oskar
Lafontaines Forderung nach einem konsequent antineoliberalen Profil der
gemeinsamen Partei wird in der Linkspartei.PDS zum Teil heftig
widersprochen. Wer wird die Oberhand behalten? Die »Mitgestalter« aus
dem PDS-Apparat oder die Freunde des Sozialstaates um Lafontaine? Ich
denke, es ist noch einiges offen, auch wenn ich nicht mehr so
optimistisch wie noch vor einigen Monaten bin. Das Papier ist jetzt
raus, aber es kann noch bis zum 10. Dezember verändert werden. In
beiden Parteien sind alle aufgerufen, anti-neoliberale und
antikapitalistische Positionen einzufordern. Aber klar ist für mich,
daß es auf der Grundlage dieses Papiers keine starke Linke geben wird.
Kann man noch für eine Fusion stimmen, wenn sich die in den Eckpunkten dokumentierte Linie durchsetzt? Man
muß verhindern, daß sie sich durchsetzt. Diese sogenannte Münsterfrage,
also die Unterstützung von UN-Militäreinsätzen, ist in der PDS dreimal
vorgelegt worden. Das ist immer wieder zurückgewiesen worden, und ich
hoffe, daß uns das auch jetzt gelingt. Genauso hoffe ich, daß in den
Fragen Regierungsbeteiligung, Eigentum und Sozialismus noch andere
Positionen durchgesetzt werden können.
Interview: Wolfgang Pomrehn