23.07.2006
Primat der Emanzipation
Zur Aktualität von Lorenz Knorrs politischem Denken
Von Lorenz Gösta Beutin
Quelle: Junge Welt vom 18. Juli 2006
Am 18. Juli 1921 in Eger/Cheb geboren, war Lorenz
Knorr früh in der Sozialistischen Jugend der CSR aktiv. Es folgte seine
Teilnahme am antifaschistischen Widerstand. Später wurde Knorr Mitglied
der SPD, dann der »Deutschen Friedens-Union« (DFU). In den 1990er
Jahren war er Sprecher der VVN/BdA. Der aus Anlaß des 85. Geburtstags
von Lorenz Knorr soeben im Kölner PapyRossa Verlag erschienene Band
»Aufklärung, Frieden, Antifaschismus. Ausgewählte Reden und Schriften«
(hrsg. v. Lorenz Gösta Beutin, 379 S., brosch., 19,90 Euro, ISBN
3-89438-356-9) versammelt Texte aus sechzig Jahren seines Wirkens als
Politiker und Publizist. In der Einleitung des Buches, die wir hier in
einer überarbeiteten und gekürzten Fassung veröffentlichen, versucht
der Herausgeber, Aktualitätsaspekte des Denkens von Lorenz Knorr
aufzuzeigen. Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Zitate des
folgenden Textes aus dem genannten Band.
Am 8. Juni 2006
meldete die FAZ, daß CIA und BND bereits 1958 über den Aufenthaltsort
von Adolf Eichmann informiert waren. Aus Angst, Eichmann könnte
Informationen preisgeben über personelle Kontinuitäten vom NS-Regime
zur BRD, wurden diese Erkenntnisse geheimgehalten. Man wollte der
Westintegration der BRD nicht dadurch entgegenstehen, daß etwa der
Vertraute Adenauers, Hans Globke – damaliger Kanzleramtschef und
früherer Kommentator der »Nürnberger Rassengesetze« – in Mißkredit
gebracht oder gar die Vergangenheit von ehemaligen Nazigrößen in
Bundeswehr und NATO offenbar würde.
Gegenprojekt Antifaschismus
Den Finger in diese Wunde legte
auch Lorenz Knorr, als er 1961 die Frage stellte, ob man die Generale
und Admiräle der faschistischen Wehrmacht, die nun in hohen Funktionen
in Bundeswehr und NATO Dienst taten (u.a. Adolf Heusinger, Hans
Speidel, Hermann Foertsch), als »Massenmörder« bezeichnen dürfe.
Gemeinsam mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß
erstatteten die sich beleidigt Fühlenden Anzeige. Nachdem ein Richter
wegen Befangenheit – er hatte im Nazifaschismus »Recht« gesprochen –
abgelehnt worden war und ein Schöffengericht eine Beweisführung des
Angeklagten verweigert hatte, weil gegenüber einem beleidigenden
Werturteil ein Wahrheitsbeweis unzulässig sei, wurde die Reihe von
Prozessen nach dem Durchgang durch mehre Instanzen 1972 wegen
»Geringfügigkeit« eingestellt.1 »Belege für die vielgerühmte
›Rechtsstaatlichkeit‹ der Alt-BRD waren und bleiben diese
Gerichtsverfahren allemal. Eine Verschwörergruppe brauner Blutjuristen,
goldbetreßter Massenmörder und revanchesüchtiger Expansionspolitiker,
die zum ›Schutz der westlichen Wertegemeinschaft‹ die Hitler-Generale
unter Denkmalschutz zu stellen versuchte, scheiterte in einem
speziellen Fall am Widerstand.«
Seine
ersten antifaschistischen Erfahrungen machte Knorr in der
sozialistischen Jugendbewegung in der CSR im Kampf gegen den
aufkommenden Faschismus. In der Wehrmacht setzte er seine
antifaschistische Tätigkeit fort – zweimal stand er wegen
»Wehrkraftzersetzung« vor Gericht – und beteiligte sich an Diskussionen
über die Gestaltung Nachkriegseuropas. Damals hegten viele im
Widerstand die Hoffnung auf eine »sozial gerechte, demokratische
Nachkriegsordnung mit starken Genossenschaften und vergesellschafteten
Großbetrieben« – eine Vorstellung, wie sie später selbst im Ahlener
Programm der CDU von 1947 ihren Niederschlag fand.
Ausgehend von
diesen Erfahrungen bildet der Antifaschismus bis heute einen
wesentlichen Kern des Engagements von Lorenz Knorr. So hat er
aufgezeigt, daß die sozial- und außenpolitischen Konsequenzen aus zwei
Weltkriegen schrittweise revidiert wurden. Die Ursachen lägen in der
geschichtlichen Entwicklung, die – angefangen mit der Opposition gegen
die Französische Revolution und die napoleonische Besatzung – zum
»deutschen Sonderweg« geführt hätten. Der Sozialdarwinismus als Kern
dieses Sonderwegs habe in Deutschland ohne liberaldemokratisches System
zum deutschen Faschismus mit Vernichtungskrieg und Massenmord führen
können. Auch nach 1945 sei bei »den Deutschen im Gegensatz zur
westeuropäisch kapitalistisch-demokratischen Praxis das langfristig
verfestigte obrigkeitsstaatlich-militaristisch-chauvinistische Denken
und Verhalten« dominierend geblieben. Die aktuelle Uminterpretation
deutscher Geschichte solle den politischen Widerstand gegen den Abbau
politischer und sozialer Rechte minimieren. Daß man dadurch auch
Perspektivlosigkeit, Resignation und letztlich Rechtsextremismus
fördere, werde zumindest in Kauf genommen.
Gegen diese Tendenzen
betrachtet Knorr den Antifaschismus als Perspektive, im Gegensatz zum
»vordemokratischen Recht des Stärkeren«, wie es im Neoliberalismus als
Form des globalen Geschichtsrevisionismus zum Ausdruck kommt. »Auch
unter den neuen Bedingungen ist Antifaschismus mit seinem klaren ANTI
und seinem kreativen PRO gefordert, als unverzichtbare Gegenkraft beim
Bau eines neuen Europa.«
Geistige Erneuerung der SPD?
Angesichts der Diskrepanz
zwischen den wenigen, die den 8. Mai 1945 als »Befreiung« wahrnahmen,
und der Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die ihn als »Niederlage«
wertete, sah Lorenz Knorr nach 1945 seine Aufgabe darin, Kinder und
Jugendliche an das Ziel einer Gesellschaft der Freien und Gleichen
heranzuführen und Selbstentfaltung gegen Selbstentfremdung zu
praktizieren. Dieses ging einher mit seiner Kritik an der Überbetonung
ökonomischer Kräfteverhältnisse in der sozialistischen Bewegung und der
Forderung, in die Betrachtung mehr den »subjektiven Faktor« im
Geschichtsprozeß, den einzelnen Menschen, einzubeziehen.
Diesem
Anspruch folgend, engagierte er sich u.a. als bayrischer Landessekretär
und Bundessekretär in der »SJD – Die Falken«. Hier entwickelte er
Konzepte für die sozialistische Jugendarbeit und die »geistige
Erneuerung der SPD«. Das Beisammensein in »überschaubaren
Gemeinschaften« und die Verbindung von politischer Bildung und
sozialistischer Erziehung sollten helfen, die Anonymität und
Vereinzelung der kapitalistischen Massengesellschaft zu überwinden.
Solidarische Verhaltensweisen sollten im Konkreten erprobt und zum
Gegenbild einer sich abzeichnenden Bürokratisierung des
sozialdemokratischen Parteiapparats werden.2 Doch 1960 schwenkte die
SPD auf den Kurs der Adenauer-Regierung ein. Das sozialistische
Fernziel wurde aufgegeben zugunsten einer opportunistischen Politik,
die sich den vermeintlichen Erfordernissen des Kalten Krieges anpaßte.
Die
Schwäche linker Bewegungen verortet Lorenz Knorr – neben den objektiven
Bedingungen des Kalten Krieges – in zwei gegensätzlichen Tendenzen, die
heute noch nachwirkten: »In die Politik des reformistischen Teils der
deutschen Arbeiterbewegung mischten sich Elemente der gegnerischen
Tradition und Strategie in dem Maße, wie er in das modifizierte
kapitalistische System integriert wurde. Der revolutionäre Teil verlor
in dem Maße an Masseneinfluß – trotz staatlicher Macht in der DDR –,
wie er unter stalinistischem Einfluß das emanzipatorische Element
ignorierte bzw. ins Gegenteil verkehrte: mit welchen Begründungen auch
immer.«
Die Einbeziehung emanzipatorischer Strategien bleibt der
Linken auch heute noch aufgegeben; die Integration der SPD als
Bestandteil der herrschenden Verhältnisse scheint gegenwärtig mehr denn
je gesichert. Auch die deutschen Sozialdemokraten beteiligen sich
inzwischen daran, die Lehren aus der Vergangenheit umzudeuten und die
»Normalisierung« der Geschichte voranzutreiben.
Globalisiertes Ausbeutungsregime
Zur neuen »Normalität« gehört
mittlerweile auch die Beteiligung an Kriegen weltweit. Dieser Tendenz
entgegenzuwirken, gehört zum antifaschistischen Selbstverständnis von
Lorenz Knorr. Seit dem Austritt aus der SPD und der Gründung der
»Deutschen Friedens-Union« (DFU) 1960 ist das Ringen um eine friedliche
Welt in den Mittelpunkt seines Wirkens getreten, orientiert an dem Satz
Wilhelm Liebknechts »Solange die Arbeiter der verschiedenen Länder
aufeinandergehetzt werden können, ist es möglich, das herrschende
Ausbeutersystem noch aufrechtzuerhalten.«
Obwohl
nach dem Ende des Kalten Krieges selbst in Kreisen der Friedensbewegung
viel von einer »Friedensdividende« die Rede war, wurde schnell
deutlich, daß die Ursachen für Kriege mit der Kapitulation des
Staatssozialismus nicht beseitigt waren. Vielmehr war der Weg für den
Versuch der siegreichen Ordnung frei, das profitwirtschaftliche System
auf den ganzen Erdball auszudehnen und die Grenzen der
nationalstaatlichen Akkumulationsfähigkeit auszuweiten. So ist auch
nach 1989 Krieg nichts anderes als das »Instrument der herrschenden
Klasse zur Gewährleistung ihrer Privilegien und ihrer Macht«. Mit dem
Sachzwangargument wird die »Globalisierung« als quasi naturwüchsiger
Prozeß verkauft, dem sich die Nationalstaaten und ihre Bevölkerungen
beugen müßten. Gemeint ist nicht die Angleichung aller Lebensbereiche,
also auch die Verrechtlichung internationaler Beziehungen und die
gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Reichtümer, sondern die
Legitimation für den absoluten Zugriff des neoliberalen Kapitalismus
auf alle Länder, ihre Staatswesen und Sozialsysteme. »Die
›Disziplinierung der Staaten durch die Märkte‹ stellt in Frage, was in
hundert Jahren an sozialen und emanzipatorischen Errungenschaften
erkämpft wurde.«
Die globale Durchsetzung der Konkurrenz als
zentrales Prinzip menschlichen Zusammenlebens wird auch von Deutschland
massiv betrieben. Dabei geht es auch darum, sich in Position zu bringen
für die Konkurrenz zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten
Staaten, die in wirtschaftlicher Hinsicht schon lange im Gange ist und
militärisch durch den Aufbau europäischer Eingreiftruppen
vorangetrieben werden soll, insbesondere, wenn es um den Zugriff auf
die knapper werdenden Rohstoffe geht. Hier werden zunehmend die Grenzen
des brutalen Imperialismus der USA deutlich, dem es zwar möglich war,
Saddam Hussein niederzuringen, nicht aber im Irak stabile Verhältnisse
zu schaffen, die für gute Profitbedingungen notwendig sind. Um hier
mitzuhalten und effizienter zu agieren, wird auch die Bundeswehr
umstrukturiert, fern von ihren – postulierten –Verteidigungsaufgaben.
Sie »wird kleiner und effektiver, sie wird umgestellt auf die Aufgaben
des 21. Jahrhunderts. Diese Transformation ist die bedeutendste, die
wir in der Bundeswehr jemals erlebt haben«, wie der damalige
Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) im Wahlkampf 2005 stolz
verkündete.
Dafür war es notwendig, den konservativen Diskurs
durch Menschenrechtsargumente zu transformieren, um eine breite
Zustimmung in der Bevölkerung zu erreichen. Der Angriffskrieg gegen
Jugoslawien 1999 wurde bewußt mit Nazivergleichen begründet, um
antifaschistische Reflexe anzusprechen, die wenig fundiert, aber
gefühlsmäßig immer noch in der Bevölkerung verankert sind. Diesen
ersten Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung seit 1945 zu führen und
Widerstand dagegen zu minimieren, wurde durch die Koalition von SPD und
Grünen möglich, wie Struck betonte: »Das ist nur unter Rot-Grün möglich
gewesen, weil wir diejenigen mitgenommen haben, die vorher alle
militärischen Maßnahmen für falsch erklärt haben. (…) Deutschland ist
erwachsen geworden, auch im militärischen Bereich.« (Dieses und das
vorhergehende Zitat: FAZ v. 26.8.2005)
Für die Gegenkräfte ist
die Konsequenz aus dieser Entwicklung, stets den Zusammenhang zwischen
den Entwicklungen im Sozialen, dem globalen Ausbeutungsregime mit
jährlich Millionen von Toten in seinen Peripherien und
»friedenserhaltenden Maßnahmen« deutlich zu machen. Die Kritik muß
letztendlich an die Wurzel gehen: »Soll die Menschheit eine Zukunft
haben, ist die des Kapitalismus zu beenden!«
Gegen Selbstentfremdung
Sozialabbau und Kriegführung werden
flankiert durch einen breiten Fundus an politischer Propaganda, um die
neoliberale Hegemonie abzusichern. Dafür wirken die »think tanks« der
Kapitalherren, die beständig ihre Ideologie des Sachzwangs und das
Loblied auf den Kapitalismus als beste aller möglichen Welten
verbreiten. Es wird ein Feldzug gegen Empfänger von Arbeitslosengeld II
geführt, indem eine Betrugsquote von bis zu 25 Prozent imaginiert wird
und der derzeitige SPD-Vorsitzende Kurt Beck mit den Worten »Man muß
nicht alles rausholen, was geht« die »Mitnahmementalität« geißelt und
»mehr Anstand« von den Arbeitslosen einfordert (FAZ v. 10.6.06). Nach
der medial inszenierten Kampagne interessiert dann auch niemanden mehr,
wenn die Bundesagentur für Arbeit in einer Studie im Auftrag der
Bundesregierung darauf hinweist, daß die Mißbrauchsquote im »normalen«
Bereich von unter fünf Prozent liegt (ND v. 6.6.06.).
Lorenz
Knorr sah schon in den fünfziger und sechziger Jahren die Gefahren der
Meinungsmanipulation durch die Kulturindustrie und eigens dafür
geschaffenen Instituten, die aufgrund damals aktueller
tiefenpsychologischer Erkenntnisse versuchten, bestimmte Stimmungen in
der Bevölkerung zu forcieren. Neben der Propaganda für das
kapitalistische System arbeitete man mit der Diffamierung des
politischen Gegners und dem Appell an antikommunistische Reflexe.
Deshalb
plädiert Knorr dafür, den Kampf um die wirtschaftliche Verfügungsmacht
zu ergänzen um das Ringen um die kulturelle Verfügungserweiterung der
Menschen, denn bessere Lebensbedingungen könnten einen höheren Grad an
Entfremdung bewirken. Dementsprechend führt Knorr den Widerspruch
zwischen dem hohen Stand der Produktionsverhältnisse und dem
fragmentierten gesellschaftlichen Bewußtsein, wie er am alltäglichen
Medienkonsum – zwischen Musikantenstadl, MTV und Christian-sen –, dem
Hype um kommerzielle Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft
und den widersprüchlichen Wahlentscheidungen zum Ausdruck kommt, auf
das Auseinanderklaffen von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau
zurück: »Nicht das gesellschaftliche Sein bestimmt heute primär das
Bewußtsein, sondern die Art, wie es von den übermächtigen Mitteln der
Meinungsmacher verschleiert und wie die vorhandenen Grunddispositionen
des Menschen und seine Komplexe (…) manipuliert werden.«
Der
zunehmenden »Selbstentfremdung« in der modernen Gesellschaft setzt
Lorenz Knorr das Ziel der »Selbstentfaltung« entgegen, und zwar nicht
als idealistisch aus dem einzelnen Menschen heraus entwickelbar,
sondern nur im solidarischen Handeln erreichbar als Erringung von
Verfügungsmacht über die eigenen Lebensumstände. Die Umwälzung der
Produktionsverhältnisse allein reiche nicht aus. Sie müsse zwingend mit
dem Ziel menschlicher Emanzipation und Demokratisierung aller
Lebensbereiche einhergehen, was auch letztlich das Ziel des Marxschen
Denkens gewesen sei. »Falsch dürfte sein, das Scheitern der
Systemalternative auf das Menschenbild von Marx zurückzuführen.
Kritisch ist eher festzustellen, daß zur Implosion die
Nichtrealisierung beitrug, speziell die Ignoranz des Eigenwertes von
persönlicher Emanzipation und Selbstbestimmung.«
Reale Alternativen
Mit dem Scheitern des Realsozialismus und
der damit einhergehenden einseitigen Aufkündigung des
Klassenkompromisses haben sich neue Aufgaben für die linken Kräfte
weltweit gestellt, die noch nicht ausreichend erfüllt sind. Aber in den
letzten Jahren gibt es verstärkt Widerstand gegen neoliberale Politik
und die Durchsetzung des Militärischen als Mittel der Politik, und in
Lateinamerika stehen einige Staaten womöglich am Beginn eines Weges zu
einem partizipationsorientierten »Sozialismus des 21. Jahrhunderts«.
Das
Ziel einer sozialistischen Gesellschaft bleibt aktuell angesichts der
ungeheuren Verbrechen, die das globale Ausbeutungsregime Tag für Tag zu
verantworten hat. Dabei kann es nicht um den dogmatischen Streit gehen,
wer denn den Stein der Weisen hat, sprich den »richtigen« Weg zum
Sozialismus kennt. »Wenn mehrere sozialistische Kräfte existieren in
veränderten geschichtlichen Umständen, wenn Kräfte mit nichtgleicher
Ideologie für eine ausbeutungs- und kriegsfreie Gesellschaft der Freien
und Gleichen antreten, erlischt der Führungsanspruch einer Gruppe – wie
sie sich auch immer selbst interpretiert.« Vielmehr muß dies
einhergehen mit einer Änderung in linken Organisationsstrukturen, die
Verantwortlichkeiten und Diskussionen wieder aus den engen
Führungszirkeln der Funktions- und MandatsträgerInnen in die
Mitgliedschaft verlagern muß. Auch das Menschenbild bedarf der
Revision, denn der »reale Sozialismus bzw. die (neo-)stalinistische
Ausprägung der Systemalternative kollidierte in wesentlichen Positionen
mit emanzipatorischen Marxschen Erkenntnissen hinsichtlich der
›Erkämpfung der Demokratie‹ und einer ›Assoziation, worin die freie
Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller
ist‹.« Die neue Gesellschaft muß als Ziel neben der Änderung der
Eigentums- und Machtverhältnisse zugleich die »Befreiung des Menschen
von Fremdbestimmung (haben); sie zielt auf die Selbstverwirklichung des
Menschen.«
Doch Eigenverantwortung der Menschen im eigentlichen
Sinn heißt auch Verfügung über die Formen der Produktion und
Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens. Die private Aneignung des
gesellschaftlich produzierten Mehrwerts steht diesem Anspruch
fundamental entgegen. Deshalb war eine Konsequenz aus dem deutschen
Faschismus, neben den Prinzipien der formalen Demokratie, mit deren
Delegierung der Verantwortung auf gewählte Repräsentanten,
Möglichkeiten zu schaffen für »wirtschaftliche Demokratie«, sprich
Mitbestimmung in den Betrieben und die Sozialisierung der
»Schlüsselindustrien«, wie im Potsdamer Abkommen beschlossen. Auch das
Grundgesetz bietet Möglichkeiten der Sozialisierung, wenn es in Artikel
15 heißt: »Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können
zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß
der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der
Gemeinwirtschaft überführt werden.«
So müßte die Antwort der
linken Kräfte auch über das »Nein« zu Privatisierungen hinausgehen und
positiv die Wiederaneignung der enteigneten und in Privathand
überführten Komplexe fordern. Dabei müssen wir ein wesentliches Problem
mit in unsere Überlegungen einbeziehen, das auch in den Staaten des
realen Sozialismus nicht gelöst wurde: Die mangelnde Identifikation
der Arbeiter mit den Produkten ihrer Arbeit. Eine reine
Verstaatlichung, die einen Apparat von Funktionären anhand eines Planes
über die Produktionsabläufe entscheiden läßt, erscheint
kontraproduktiv. »Alle perspektivischen Überlegungen der Nachwendezeit
sollten mit geplanter gesellschaftlicher Produktion auch die
tatsächliche Verfügungsgewalt über Produktionsmittel und Produkte
verbinden.«
Die Lüge vom Kapitalismus als »Ende der Geschichte«
und der besten aller möglichen Gesellschaften ist ins Wanken geraten –
zu Fall bringen müssen wir sie! Auf den ersten gescheiterten Versuch
muß ein zweiter, erfolgreicher folgen. Dies sind wir unserer eigenen
Zukunft und der Zukunft aller Menschen schuldig. Dies ist es, wofür
Lorenz Knorr sein Leben lang streitet und was seinem gesamten Denken
und Handeln Orientierung gibt: das Ziel einer »humanen Weltgesellschaft
der Freien und Gleichen«.
1 Heinrich Hannover: Die Republik vor Gericht 1954–1974. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts, Berlin 1998, S. 129-141
2
Vgl. Lorenz Knorr: Geistige Erneuerung der SPD. Ein Versuch in den 50er
Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein Zeitzeugenbericht, hrsg. v. Archiv d.
Arbeiterjugendbewegung, Rostock 2005