06.07.2006
Die Verantwortung der Bundestagsfraktion für eine starke Linke
Thesen zur Positions- und Strategiebestimmung der Fraktion DIE LINKE. Vorgelegt für die Diskussion auf der Klausurtagung im Juli 2006 von einigen UnterzeichnerInnen des Aufrufes für eine AL
Ein Diskussionsbeitrag von Nele Hirsch, Ulla Jelpke, Sevim
Dagdelen, Lutz Heilmann, Heike Hänsel, Eva
Bulling-Schröter, Karin Binder, Inge Höger und Elke
Reinke.
1. Glaubwürdigkeit nicht verspielen
DIE LINKE. im Bundestag steht in der Verantwortung, die Hoffnungen,
die über vier Millionen Wählerinnen und Wähler im
September 2005 in das neue linke Projekt gesetzt haben, nicht zu
enttäuschen. Die Wählerinnen und Wähler erwarten von
ihr eine konsequente linke Politik und die Einhaltung ihrer
Wahlversprechen. Für die Fraktion muss es deshalb außer
Frage stehen, dass sie Militäreinsätze konsequent
ablehnt, sich für soziale Rechte ausspricht, sich offen zu
antirassistischen und antifaschistischen Grundsätzen bekennt,
gegen Repression, Ausgrenzung und Unterdrückung ihre Stimme
erhebt und sich - bei aller notwendigen Kritik - solidarisch zu
vergangenen oder aktuellen sozialistischen
Gesellschaftsentwürfen äußert.
Zur Glaubwürdigkeit gehört auch, dass die
Oppositionspolitik im Bund nicht durch die Politik auf Landes- oder
kommunaler Ebene konterkariert wird, wie es bisher teilweise der
Fall ist. Wir möchten hier unter anderem auf den
Abschiebungsfall der Familie Aydin in Berlin, das geplante
Abstimmungsverhalten von Berlin im Bundesrat bei der
Föderalismusreform oder den Verkauf des kommunalen
Wohnungsbestandes in Dresden hinweisen. Um solche und andere
Vorfälle zukünftig zu vermeiden, müssen im Zuge des
Parteibildungsprozesses klare Mindestbedingungen für
Regierungsbeteiligung in der neuen Programmatik verankert
werden.
2. Gesellschaftliche Gegenmacht stärken statt unkritische
Anpassung an den Parlamentsbetrieb
Parlamentarische Arbeit läuft ohne
außerparlamentarischen Druck ins Leere. Zudem finden die
wesentlichen Auseinandersetzungen ohnehin nicht im Parlament,
sondern auf der Straße, in den Betrieben und in den Schulen
und Hochschulen statt. Die Arbeit der Fraktion kann und darf
deshalb die Proteste von Aktivistinnen und Aktivisten
außerhalb des Parlaments nicht ersetzen, sondern muss sie so
gut wie möglich unterstützen. Ein positives Beispiel, wie
so etwas aussehen kann, ist aktuell das Verhalten der
Linkspartei-MinisterInnen bei den Vorbereitungen zur
Anti-Bush-Demonstration in Mecklenburg-Vorpommern.
Um diesem Anspruch auch in unserer Fraktionsarbeit gerecht zu
werden, ist eine feste Verankerung der Fraktion und der einzelnen
Abgeordneten in den bestehenden außerparlamentarischen
Bewegungen unerlässlich. Wir müssen deshalb vorrangig bei
Gewerkschaften, der Friedensbewegung und den sozialen Bewegungen um
Vertrauen werben und Zusammenarbeit anbieten, anstatt uns durch
Anpassung die Anerkennung der anderen Fraktionen und Abgeordneten
sichern zu wollen. Die parlamentarischen Gepflogenheiten sollten
wir bewusst mit gut vorbereiteten Protestaktionen übertreten
und dabei auch vor zivilem Ungehorsam nicht zurück
schrecken.
Außerdem müssen wir uns jeglicher Unterordnung an eine
neoliberale Sachzwangslogik widersetzen und uns klar gegen die
vermeintliche Alternativlosigkeit der herrschenden Politik
aussprechen. Unsere eigenen Forderungen bzw. unseren Widerspruch
sollten wir zuspitzen. Es gibt keine Veranlassung, auf inhaltliche
Gemeinsamkeiten und Kompromisse mit der neoliberalen Einheitsfront
der anderen Fraktionen hinzuarbeiten. Die politischen Unterschiede,
die unter anderem in der Sozial- oder Friedenspolitik zu allen
anderen Fraktionen bestehen, dürfen wir nicht
verwischen.
3. Hin zu einer sozialistischen Perspektive
DIE LINKE. im Bundestag steht nicht nur in Opposition zur Politik
der Großen Koalition, sondern in Opposition zu den
herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Die anderen im
Bundestag vertretenen Parteien haben dagegen keine
Gesellschaftsperspektive, die über die kapitalistische
Wirtschaftsordnung hinausweist. Dieser Unterschied macht die
wesentliche Stärke der Fraktion aus. Bei unserer
parlamentarischen Arbeit müssen wir deshalb darauf
hinarbeiten, die konkreten Alltagserfahrungen der großen
Mehrheit der Menschen zum Ausgangspunkt zu nehmen und Alternativen
anzubieten, die sich nicht nur auf antineoliberale Forderungen
beschränken, sondern zugleich Perspektiven für eine
sozialistische Gesellschaft aufzeigen. Unser Ziel muss eine
grundlegende Umwälzung der gesellschaftlichen
Verhältnisse sein. Wenn sich in Lateinamerika mehrere Staaten
auf dem Weg zu einem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“
machen, ist das ein deutliches Zeichen, dass gesellschaftliche
Alternativen umsetzbar sind.
Insbesondere die politischen Schwerpunkte unserer Fraktionsarbeit
müssen diesem Anspruch gerecht werden: So gilt es
beispielsweise bei unserem Kampf gegen die Privatisierungspolitik,
zugleich die Diskussion einer grundlegend anderen Eigentumsordnung
zu öffnen.
Ein zweites Beispiel ist unsere Forderung nach einer Stärkung
der politischen Rechte der lohnabhängig Beschäftigten:
Mit dieser Forderung können wir nicht nur zu Widerstand gegen
eine wachsende Kapitalmacht und die damit einhergehende
Prekarisierung ermächtigen, sondern zugleich die Perspektive
hin zu einer Gesellschaft aufzeigen, in der die Freiheit des
anderen nicht die Grenze, sondern die Bedingung der eigenen
Freiheit ist.
Wenn wir drittens – beispielsweise durch Forderungen nach
einem wirklichen europäischen Streikrecht, der Kontrolle
internationaler Finanzbeziehungen oder der Einhaltung des
Nicht-Interventionsgebotes der UN-Charta - über die Grenzen
hinweg für globale soziale Rechte eintreten und damit dem
„Kampf gegen den Terrorismus“, der (auch atomaren)
Interventionen und Aufrüstung oder der Macht multinationaler
Konzerne die Stirn bieten, müssen wir dies mit einer
grundsätzlichen Kritik am Imperialismus verbinden. Unsere
Alternative ist eine friedliche Weltgesellschaft der Freien und
Gleichen.
4. Die Frage der Regierungsbeteiligung im Bund stellt sich
nicht
Alle anderen im Parlament vertretenen Parteien befürworten
Militäreinsätze, halten an den Hartz-Gesetzen fest,
unterstützen den neoliberalen EU-Verfassungsentwurf und sind
nicht zu einer grundlegenden Umkehr in der Steuer- und
Finanzpolitik bereit. Im Schatten der WM wird eine unsolidarische
Gesundheitsreform auf den Weg gebracht, wird die Sozialgesetzgebung
verschärft und werden weitere Steuergeschenke für Reiche
und Vermögende beschlossen. Solange keine grundlegende Umkehr
von dieser Politik erfolgt, gibt es keine Grundlage für eine
Koalition unter Beteiligung der Fraktion DIE LINKE. im Bund.
Statt Kraft und Energie auf strategische Überlegungen in diese
Richtung zu verschwenden, muss die Fraktion deshalb in erster Linie
für eine Veränderung der gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse kämpfen. Die erfolgreichen
Beispiele in Frankreich und den Niederlanden bei den Protesten
gegen den neoliberalen EU-Verfassungsentwurf oder die Aufweichung
des Kündigungsschutzes zeigen, dass gerade über diesen
Weg politische Erfolge erzielt werden können.
5. Für eine kritische, pluralistische und lebendige
Mitgliederpartei
Um den Parteibildungsprozess erfolgreich abzuschließen, muss
er offener und transparenter geführt werden. Aus Perspektive
der Fraktion sind uns für die neue Programmatik und das neue
Statut vor allem drei Punkte wichtig:
Erstens muss der Prozess der Parteibildung über Linkspartei
und WASG hinausgehen. Das bedeutet, dass gerade auch
parteiunabhängige Akteurinnen und Akteure mit einbezogen
werden müssen. Dazu gehören beispielsweise Aktivistinnen
und Aktivisten aus Bewegungen oder Kulturschaffende. Unsere
Fraktion spiegelt diesen Anspruch bereits wider.
Zweitens darf die neue linke Partei nicht auf die Zielsetzung des
demokratischen Sozialismus verzichten. Gerade diese Perspektive
macht die wesentliche Stärke auch der Fraktion DIE LINKE.
aus.
Drittens möchten wir auf inhaltliche Unterstützung aus
den thematischen Arbeitsgruppen sowie auf Kritik und strategische
Diskussionsbeiträge aus den Interessensgemeinschaften,
Plattformen und politischen Zusammenschlüssen der Linkspartei
auch zukünftig bei unserer Arbeit nicht verzichten. Deshalb
halten wir es für unerlässlich, dass alle Mitglieder auch
in der neuen linken Partei die Möglichkeit haben, sich in
politischen Zusammenschlüssen, Arbeits- und
Interessensgemeinschaften und Plattformen zu vereinigen. Ihre
Arbeit muss zukünftig durch die Partei deutlich besser
finanziell, personell und organisatorisch unterstützt werden.
Ansonsten werden sich Mitglieder, die ehrenamtlich aktiv sind,
immer weniger beteiligen können. Die Fraktion würde dann
zum alleinigen Machtzentrum. Solch eine Entwicklung muss verhindert
werden.