Tobias Pflüger (Europaabgeordneter, auf der PDS-Liste
gewählt, aber parteilos):
Eine zentrale Frage für mich ist, in welcher Form wir uns als
Linke organisieren – im Moment ist der Fokus logischerweise
auf den Parteibildungsprozeß gerichtet. Wenn die Linke aber
wirklich Erfolg haben will, dann darf sie nicht nur darauf schauen,
sondern muß einen dritten Akteur mit einbeziehen: die
sozialen Bewegungen. Wenn sie das nicht tut, dann kann im Parlament
sitzen, wer will. Wenn von außen kein Druck ausgeübt
wird, helfen Mandate wenig. Wir brauchen vielmehr starke soziale
Bewegungen und starken Druck gegen Sozialabbau und
Kriegspolitik.
Für mich ist auch wichtig, daß wir als Linke zwar
einerseits die richtigen Forderungen stellen, daß wir uns
aber andererseits konkret an Aktionen beteiligen. Das war
insbesondere in den Auseinandersetzungen um die
Montagsdemonstrationen wichtig. Im ganzen Land haben Linke darum
gekämpft, daß die Rechten zurückgedrängt
wurden. Sie haben um die Dominanz gekämpft und es ist
gelungen, mit klaren Positionen bei den Protesten gegen Hartz IV
aufzutreten.
Horst Schmitthenner (IG Metall):
Den Politikwechsel werden die Gewerkschaften allein über
Arbeitskontakte zu den Parteien nicht schultern können.
Gebraucht wird die zivilgesellschaftliche Bewegung, d.h.: Wir sind
darauf angewiesen, Bündnisse einzugehen, strategische
Allianzen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, mit
sozial kompetenten Globalisierungskritikern usw.
Es muß also gelingen, daß sich aus der Linkspartei.PDS
und der WASG eine neue Partei bildet, links von der SPD. Sie
muß etwas Neues sein, sie muß andere Politik machen und
sie muß sich als Teil der gesellschaftlichen Linken
verstehen, in der sie verankert ist.
Sahra Wagenknecht (Europaabgeordnete der
Linkspartei.PDS):
Wir als Kommunistische Plattform haben die Politik des Berliner
Senats und der daran beteiligten PDS von Anfang an kritisiert, auch
wenn wir damit auf den jeweiligen Landesparteitagen unterlegen
sind. Bisher hatten wir es aber noch nie, daß in der PDS bzw.
der Linkspartei so offen und so breit wie jetzt darüber
diskutiert wurde. Es ist eine neue Situation, daß auch Gregor
Gysi und Lothar Bisky bestimmte Konditionen für die
Regierungsbeteiligung unterschrieben haben.
Das heißt noch nicht, daß sich automatisch alles
ändert. Aber es heißt, daß hier eine Debatte
begonnen hat, die diese Senatspolitiker massiv unter Druck setzt
und die uns hoffen läßt, daß etwas korrigiert
wird. Wenn man sich in einer solchen Situation nicht an dieser
Diskussion beteiligt und es vorzieht, einen eigenen Weg zu gehen,
dann erschwert man diesen Prozeß.
Oskar Lafontaine (Vorsitzender der Linksfraktion im
Bundestag):
Ich bin dafür, daß wir Französisch lernen. In
diesem Land der bürgerlichen Revolution lebt noch eine andere
Tradition als bei uns; und es ist für jeden Linken eine
Ermutigung, daß es dort gelungen ist, eine Regierung in die
Knie zu zwingen, die den Kündigungsschutz abbaut. Das brauchen
wir auch bei uns in der Bundesrepublik Deutschland. Da
wünschte ich mir auch etwas mehr Diskussion innerhalb unserer
Gewerkschaftsbewegung. Die ist etwas zögerlich, wenn sie das
Wort Generalstreik hört; so, als müsse sie sich nur auf
Tariffragen oder soziale Fragen reduzieren. Nein, ich bin der
Meinung, der Generalstreik ist eine Möglichkeit, soziale
Gerechtigkeit wieder zu einem Ziel zu machen. Und deshalb sollten
wir versuchen, diesen Generalstreik auch wirklich zu fordern.
Quelle: JW vom 12. Juni 2006
http://www.jungewelt.de/2006/06-12/042.php