Mit den nachfolgenden Bemerkungen erhebe ich nicht im
entferntesten den Anspruch, das Thema umfassend zu behandeln. Wenn
ich Probleme benenne, heißt das nicht, daß ich dies mit
Problemlösungen verwechseln würde. Solch eine
Verwechslung bedeutete, Jegliches auf vorhandenen
Durchsetzungswillen zu reduzieren. Aber Idealismus - im
philosophischen Sinne des Wortes - ist meine Sache nicht.
Wesentliche Voraussetzungen für Problemlösungen sind
Nachdenklichkeit und innerparteiliche Demokratie. Besonders hierzu
meine Überlegungen.
Nach jenem Berliner Landesparteitag im Januar 2002, auf dem der
Koalitionsvertrag zwischen SPD und PDS mit großer Mehrheit
beschlossen wurde, rief mich der inzwischen verstorbene Freund
meines Vaters aus Dortmund an, um mir als Mitglied des Berliner
PDS-Landesverbandes zu gratulieren. Er war Kommunist, ging durch
die Hölle der Konzentrationslager in Sachsenhausen und
Mauthausen und war in der Alt-Bundesrepublik aktives KPD- und
später - bis zu seinem Tode - DKP-Mitglied. Er war das, was
man einen standhaften Streiter für die sozialistische Sache
nennt. Als ich ihm sagte, ich hätte gegen den
Koalitionsvertrag gestimmt und könne mir nicht vorstellen,
daß das Ganze für die PDS gut ausgehen werde,
bezichtigte er mich der Kleinmütigkeit. Bei dem
Antikommunismus, der in der BRD herrsche, sei es ein Wert an sich,
daß die PDS, noch dazu in Berlin, es geschafft habe,
Regierungsmitglied zu werden. Das sei eine strategische Frage,
hinter der alles andere zurückstehen müsse. Was er heute
sagen würde - wer kann es wissen. Ich habe diese Begebenheit
an den Anfang gestellt, weil sie davon zeugt, daß die Frage
der Regierungsbeteiligung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen
ist.
Koalitionen und Kräfteverhältnisse
Keiner kann die Probleme unter den Tisch kehren, vor denen die PDS
steht. Natürlich müssen wir uns an Wahlen beteiligen,
ergo kann man gewählt werden - und wie wir aus der
Vergangenheit wissen, auch mit außerordentlich guten
Ergebnissen. Wir müssen parlamentarisch wie
außerparlamentarisch präsent sein. Wir müssen in
die Medien. Wir müssen als plurale Partei handlungsfähig
bleiben. Wir müssen in den Widersprüchen leben und
arbeiten, die das einmalige Profil unserer Partei permanent erzeugt
- anders allerdings als in dieser Widersprüchlichkeit braucht
uns auf Dauer keiner. Darum hat die Kommunistische Plattform auch
nie gesagt, an einer Koalition dürfe man sich auf keinen Fall
beteiligen. Allerdings: schon mit einem Koalitionsvertrag, wie dem
Berliner, hätte man eher nicht in die Regierung gehen sollen
und hätte es, in Anbetracht der Lage, in der sich die SPD nach
dem Scheitern der Verhandlungen über eine Ampelkoalition
befand, wohl auch nicht gemußt. Doch abstrahieren wir davon.
Die Beteiligung der PDS an Landesregierungen unter den Bedingungen
eines ungünstigen Kräfteverhältnisses nicht a priori
auszuschließen, ist ein unerhörter Anspruch nicht nur an
das Können, sondern auch an das Verantwortungsbewußtsein
der PDS-Mitglieder, vor allem aber ihrer gewählten
Funktionäre und Parlamentarier. Mit "Augen zu und durch" ist
den aus der Koalition resultierenden Problemen nicht beizukommen.
Eher schon mit schonungsloser Ursachenanalyse und dem Grundsatz,
daß Schlußfolgerungen nicht schon vor der Analyse
feststehen können.
In Berlin bedurfte es massiver Forderungen, bis endlich eine
Halbzeitbilanz über bisherige Ergebnisse der
SPD-PDS-Regierungskoalition in der Hauptstadt vorgelegt wurde. Im
Vergleich zu früheren, reinen Zustimmungspapieren stellte die
vorliegende Bilanz vom Mai 2004 einen Qualitätszuwachs dar.
Wesentliche Problemfelder des Agierens der PDS wurden benannt: So
der Umgang mit dem Berliner Bankenskandal in Gestalt der
Risiko-Abschirmung, die Anhebung der Kitagebühren für
mittlere und höhere Einkommensgruppen, die bekannten Probleme
des neuen Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst, die
aus dem Landeshaushalt nicht mehr gewährleistete Finanzierung
der Berliner Symphoniker, die Erhöhung der Wasserpreise, die
Einsparung von 75 Millionen € in der Wissenschaftslandschaft,
die Aufhebung der Lernmittelfreiheit (mit Ausnahme der
Sozialhilfe-, Wohngeldempfangenden und Asylbewerbern), die
Kürzung des Blindengeldes oder die (zeitweilige)Einstellung
des nunmehr um ein Drittel teureren Sozialtickets infolge der
Streichung des Landeszuschusses von 17,4 Millionen Euro an den
Eigenbetrieb BVG. Im Windschatten dieser Entscheidung schaffte die
BVG gleich das Arbeitslosen- und Seniorenticket mit ab.
In der Bilanz wurden die massiven, die Belange der Bezirke
betreffenden Einschnitte in die soziale und kulturelle
Infrastruktur nur allgemein erwähnt. Wie viele Clubs und
Bibliotheken geschlossen, wie viele Projekte eingestellt oder wo
Eintrittspreise, zum Beispiel für Schwimmbäder,
erhöht wurden etc. wurde im einzelnen nicht
aufgeführt.
Benannt wurden auch unter Rot-rot erzielte Fortschritte: Die
Vermittlung von Sozialhilfeempfangenden in
sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (nach BSHG, und
also bis 31.12.2004 auch in anderen Bundesländern so
geschehen), Bargeld statt Chipkarten und eigene Wohnungen statt
Massenunterkünfte für Flüchtlinge, innovative
Schritte im Drogenbereich, die Mittelsteigerung für
außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die Zunahme
der polizeilichen Deeskalationsstrategie bei Demonstrationen oder
das Verhalten der rot-roten Koalition bei einer Reihe wichtiger
Entscheidungen im Bundesrat.
Analyse statt Apologetik
Analytische Schlußfolgerungen aus dieser Bilanz wurden
allerdings nicht gezogen. Mit anderen Worten: es wurde nicht
hinterfragt, ob die bisherige Regierungsbeteiligung in Berlin der
PDS eher genutzt oder eher geschadet habe und wie demzufolge mit
den aus der Regierungsbeteiligung resultierenden Ergebnissen
strategisch in Zukunft umgegangen werden sollte. Anstelle einer
solchen Analyse trat Apologetik, dieselbe, die wir auch nicht zu
knapp in der Reißigstudie finden. Professor Rolf Reißig
schreibt: "Es läßt sich allerdings keineswegs
feststellen, daß die Regierungsbeteiligung der PDS geschadet
habe. Weder ihre Politikfähigkeit noch ihre Position im
Wettbewerb der Landesparteien wurden geschwächt. Die
Regierungsbeteiligung hat die Handlungsfähigkeit der PDS
Berlin insgesamt gestärkt. Das betrifft ihre Fähigkeit
zur Mitgestaltung des Landes, die Zunahme fachlicher und
politischer Kompetenz, den Zugang zu neuen Interessengruppen und
Verbänden, die Möglichkeit zu bundesdeutschen Initiativen
seitens der PDS-Senatoren. Die Akzeptanz ihrer
Regierungsbeteiligung ist im Land und im Bund zu einer
Normalität geworden" An anderer Stelle finden wir bei
Reißig zu den Interessengruppen die bemerkenswerten
Feststellungen: "Koalitionsnahe Akteure wie Gewerkschaften,
Sozialverbände, soziale Bewegungen sahen ihre Erwartungen in
die Koalition bislang nicht oder nur in geringem Umfang
erfüllt. Ernüchterung und Enttäuschung machten sich
breit... Koalitionsferne Akteure wie die Träger von
Wirtschaftsinteressen, Wirtschaftsverbänden, aber auch die
vielfältigen Verbände im Gesundheitssektor sehen ihre
vorgefertigten Bilder, ihre Befürchtungen weniger
bestätigt und sind inzwischen zu einer sachlichen
Zusammenarbeit mit dem rot-roten Senat übergegangen". Nun gibt
es ja gegen sachliche Zusammenarbeit an sich nichts einzuwenden -
aber hier haben die enttäuschten Erwartungen der einen
vielleicht doch mit den abgebauten Befürchtungen der anderen
ursächlich etwas zu tun.
Reißig verweist hinsichtlich der PDS-Regierungsbeteiligung
analog zur erwähnten Halbzeitbilanz durchaus auch auf
Probleme. Die Grundaussage des Papiers allerdings läßt
keinen Zweifel aufkommen, daß die Teilnahme an der Koalition
eine unabdingbare politische Notwendigkeit gewesen sei und es auch
bliebe.
Genau dies darf angezweifelt werden. Wenn man sich die Entwicklung
der Landesparteiorganisation anschaut, so findet sich wohl der
Beleg, daß die PDS die Art und Weise der
Regierungsbeteiligung in Berlin mit vielleicht irreparablem
Substanzverlust bezahlt, der nicht selten unmittelbar oder
mittelbar mit Koalitionsfragen zusammenhängt. Zunächst
zum Mittelbaren: Offenkundig waren ein für das Koalieren zu
entrichtender Preis Anpassungen der politischen Linie der PDS an
den von der SPD mitgetragenen, staatsoffiziellen Antikommunismus.
Diese Anpassung begann nicht erst mit dem Text der Präambel
zum Koalitionsvertrag. Die Absprachen zwischen Strieder und
führenden PDS-Fraktionären, im gegebenen Fall eine
gemeinsame Koalition einzugehen, haben den Medien zufolge lange vor
dem Scheitern der Verhandlungen über eine Ampelkoalition
begonnen. Und da bot sich der 55. Jahrestag der Vereinigung von KPD
und SPD im Jahr 2001 offensichtlich an, sich ideologisch
anzubiedern; der 40. Jahrestag des Mauerbaus desgleichen. Es folgte
eine Austrittswelle in den Sommermonaten 2001. Scheinbar hatte sie
nichts mit den kommenden Ereignissen im Jahr 2002 zu tun. Nur - der
Schein trügt eher.
Anpassung durch Schadensbegrenzung und Neutralisierung der
Basis
Der Brutalität im Umgang mit den eigenen historischen Wurzeln
folgte die Härte im Umgang mit der ursprünglichen
sozialen Verwurzelung der Partei. Das betrifft zum einen die
bereits erwähnten sozialpolitischen Entscheidungen im Berliner
Maßstab. Das betrifft aber auch unsere Verantwortung für
die Umsetzung von asozialen Bundesgesetzen. Thomas Hecker schrieb
im ND vom 20.05.2005: "Die im Zusammenhang mit Hartz IV
eingeleiteten Maßnahmen, da (ist) man sich (auch in der
Berliner PDS) einig, bewirken genau das nicht, was ihr angeblicher
Sinn und Zweck ist: Menschen auf dem sogenannten ersten
Arbeitsmarkt in Lohn und Brot zu bringen. Ein weiterer Konsens:
Menschen ein schlechteres, unsichereres Leben abzuverlangen, mit
der Begründung, daraus erwüchsen Arbeitsplätze, die
es dann doch nicht gibt - das gebiert Zukunftsangst und
Hoffnungslosigkeit. Es folg(t)en die Differenzen. Hartz IV, so die
einen, ist ein Bundesgesetz. Die PDS habe nie verhehlt, daß
dies ein schlechtes Gesetz sei. Doch als Mitglied der
Landesregierung sei sie in der Pflicht, Bundesgesetze mit
umzusetzen und täte das mit größtmöglicher
Schadensbegrenzung". Ich möchte hier einfügen: Es wird
sich erst 2006/2007 zeigen, welche Auswirkungen Hartz IV für
die Wohnsituation von Betroffenen hat; wie viele Haushalte also
letztlich umziehen müssen und wie deren Wohnqualität dann
sein wird. Hinzu kommt, daß die Privatisierungen von
kommunalem Wohneigentum in beträchtlichem Umfang stattfinden.
Es wird sich zeigen, welche Mietkonsequenzen das noch hat. Es gibt
also weder Grund zu ungeteilter Freude noch zur Behauptung, es
hätte nicht noch schlimmer kommen können. Nach den Wahlen
2006 schlägt die Stunde der Wahrheit, wer auch immer dann
regiert. Ich komme noch einmal auf Thomas Hecker zurück, der
über jene, die den realen Wert der rot-roten Koalition
mittlerweile grundsätzlich in Frage stellen, schreibt, diese
meinten, "... Hartz IV sei der perfideste Sozialbetrug in der
Geschichte der BRD. Bedingungen für Profitmaximierung
würden unter der Flagge optimiert, das Arbeitslosenproblem
solle gelöst werden... Diese verlogene, demagogische Politik
verlange von der PDS nicht primär eine schadensbegrenzende
Umsetzung, sondern eine starke parlamentarische Opposition,
verbunden mit außerparlamentarischen Bewegungen. Diese
Differenzen sind erklärlich. Unerklärlich ist eher", so
beschließt Hecker diese Überlegung, "daß sie -
etwa eineinhalb Jahre vor den Abgeordnetenhauswahlen - kaum zur
Grundlage basisdemokratischer Debatten über unsere
parteipolitische Zukunft gemacht werden. Vielmehr plädierte
Harald Wolf schon auf der Klausur der PDS-Fraktion im
Abgeordnetenhaus im September 2004 für die Fortsetzung der
rot-roten Koalition über 2006 hinaus."
Hier liegt ein Kernproblem: Die Stimmungen und Meinungen
maßgeblicher Teile der PDS-Basis sind für manche
Berliner PDS-Politiker kaum von Interesse und sie verdrängen
wohl auch, welche Tiefenwirkungen aus wachsendem Identitäts-
und Vertrauensverlust für die PDS-Landesparteiorganisation
sowohl in organisatorisch-struktureller als auch in ideologischer
Hinsicht erwachsen. Jeder habe andere Kontakte, heißt es.
Jeder stoße auf andere Meinungen. Es gäbe keine
einheitlichen Auffassungen zu Rot-Rot. Als ob das jemand behauptet
hätte! Es ist also kein Zufall, daß alle Versuche, im
Rahmen der Erarbeitung der Halbzeitbilanz 2004 auch zu einer
Einschätzung der Lage in der Berliner Landesparteiorganisation
zu gelangen, schon im Ansatz negiert wurden. Und Anträge an
den Landesparteitag, eine Analyse des Landesvorstandes hierzu
sozusagen nachzuarbeiten, kamen nicht durch. Hier herrscht ein
Tabu.
Und eine demagogische Keule wird benutzt: Wir wurden nicht
gewählt, wird gesagt, um innerparteiliche Nabelschau zu
betreiben, sondern um für die Bürger dieser Stadt etwas
zu tun. Doch um etwas zu tun, muß man bleiben. Hierzu eine
Anmerkung: Die SPD-Oberen schlagen zur Zeit mindestens zwei Fliegen
mit einer Klappe. Sie stimulieren Anpassungstendenzen in der PDS
und somit, zumindest indirekt, jene Austritte, die aus der
Ablehnung der Anpassungsprozesse resultieren. Mittelfristig ein
ziemlich erfolgversprechender Weg, sich des Hauptkonkurrenten im
Osten zu entledigen. Sollte auch noch Bries Vorschlag realisiert
werden, die Westverbände der PDS durch Arbeitsteilung zu den
Bundestagswahlen 2006 - die PDS kandidiert im Osten und die WASG im
Westen - faktisch überflüssig zu machen, so käme das
einem Aderlass mit unabsehbaren Folgen gleich. Was geht in den
Protagonisten solcher Überlegungen vor, zudem wenige Tage vor
den Wahlen in NRW. Gut nur, daß der Bundeswahlkampfleiter am
19. Mai 2005 hierzu deutlich Position bezog. Daß die PDS im
Westen nicht die Rolle spielt, die wir uns wünschen, ist
bekannt. Aber vielleicht hängt das weniger mit gemachten
Fehlern als mit verlorenen Illusionen zusammen. Und - wo steht denn
geschrieben, daß die WASG die Linkspartei im Westen wird; und
wo steht geschrieben, wie sich die WASG im Falle einer
SPD-Wahlniederlage 2006 verhalten würde. Geschichtliche
Erfahrungen, gedacht sei an die USPD, liegen vor.
"Trenne dich nicht von uns!"
Zurück zum Problem der Regierungsbeteiligung. Prof.
Reißig negiert zwar die Problematik der Parteientwicklung in
Berlin nicht völlig, geht aber auch nicht gerade
tiefgründig mit ihr um. "Die Bildung der SPD-PDS-Koalition in
Berlin war eine Richtungsentscheidung erster Güte" heißt
es. Es sei deshalb gerechtfertigt, zu fragen, ob der Eintritt der
PDS in die Landesregierung und ihre seitherige
Regierungsbeteiligung Zuwächse oder Verluste in der
Mitgliedschaft und in der Mobilisierungsfähigkeit der
Landespartei ausgelöst hätten. Auch hierzu gäbt es
keine speziellen Untersuchungen oder systematischen Beobachtungen
im Landesverband. Und dann schreibt Reißig: "Was
diesbezüglich meines Erachtens festgehalten werden kann, ist
folgendes: Die Austritte wegen der Beteiligung der PDS an einer von
der SPD geführten Koalition hielten sich in engen Grenzen und
dürften in Berlin - wie die Verantwortlichen im Landesvorstand
bestätigen - nicht mehr als Hundert betragen haben." Diese
Aussage über die Zahl der Austritte ist schlicht falsch. Seit
Mitte 2002 bis Mitte 2004 hat es nach unserer Kenntnis ca. 1.500
Austritte gegeben und darüber hinaus ca. 350 Streichungen,
häufig in Folge nicht gezahlter Beiträge. Bei 9423
Berliner PDS-Mitgliedern Ende 2004 eine beträchtliche
Größenordnung. Hinzu kommt: Die Auswirkungen der
Regierungsbeteiligung betreffen nicht nur die entsprechenden
Landesparteiorganisationen selbst.
Nun laufen die Bemühungen um Schadensbegrenzung. Ausgerechnet
dem Brechtstück, das von Freund und Feind am heftigsten
kritisiert wurde, entnahmen Claudia Gohde und Martin Harnack die
Zeilen für eine Anzeige unter anderem im Magazin und in der
Lehrerzeitung. Es handelt sich um "Die Maßnahme", über
die Brecht sagte "... vier kommunistische Agitatoren stehen vor
einem Parteigericht, ... Sie haben in China kommunistische
Propaganda getrieben und dabei ihren jüngsten Genossen
erschießen müssen...Sie zeigen, daß der junge
Genosse gefühlsmäßig ein Revolutionär war,
aber nicht genügend Disziplin hielt und zuwenig seinen
Verstand sprechen ließ, so daß er, ohne es zu wollen,
zu einer schweren Gefahr für die Bewegung wurde."
Im Verlaufe dieses Stückes fragt der junge Genosse: "Wer aber
ist die Partei?" und die Agitatoren antworten: "Wir sind sie" und
wenige Zeilen später heißt es - und so lautet auch der
Annoncentext:
"Trenne dich nicht von uns!
Daß der kurze Weg besser ist als der lange, das leugnet
keiner
Aber wenn ihn einer weiß
Und vermag ihn uns nicht zu zeigen, was
Nützt uns seine Weisheit?
Sei weise bei uns!
Trenne dich nicht von uns."
In einem Schreiben an die Kreisvorstände der PDS vom 9. Mai
2005 werden sie gebeten, diese Anzeige in kleinen
Parteiblättchen zu veröffentlichen, um solche für
die PDS wieder zu gewinnen, die in den vergangenen Jahren austraten
oder schon die SED verließen und seither parteilos
sind.
Ich abstrahiere davon, daß man weder das Stück "Die
Maßnahme" kennen darf noch die Motive vieler ausgetretener
Genossinnen und Genossen, um die zitierten Zeilen im Zusammenhang
mit der Werbemaßnahme für legitim zu halten. Da soll die
sozialistische Seele angesprochen werden, ohne mit den Betreffenden
darüber diskutieren zu müssen, wodurch ihnen die Bindung
zur PDS abhanden gekommen ist. Doch ohne diese Debatte werden jene,
die gingen, nicht glauben, daß sie bei uns weise sein
können.
Weil diese Debatte nicht gewünscht ist, wird Brecht als Ersatz
für fehlende Nachdenklichkeit nicht taugen.
Daraus, daß ich nicht zu den Koalitionsbefürwortern
gehöre, mache ich keinen Hehl. Dennoch plädiere ich nicht
dafür, die Koalition zum gegenwärtigen Zeitpunkt
stehenden Fußes zu verlassen. Meine Erwägungen sind
allerdings absolut pragmatisch, denn ich halte den
Gestaltungsspielraum der PDS in der Koalition für so gering,
daß ich von der entschieden größeren politischen
Wirksamkeit unserer Partei in der Opposition überzeugt bin.
Dennoch kann meines Erachtens auch diese Frage nicht jenseits von
Zeit und Raum betrachtet werden. Zugleich bitte ich sehr darum, aus
meinen Überlegungen keine - auch keine faktische -
Koalitionsbefürwortung zu machen. Ich bin unbedingt
dafür, daß die PDS - und zwar als gesamtdeutsche Partei
- 2006 wieder in den Bundestag einzieht. In der verbleibenden Zeit
bis dahin könnte die Berliner PDS kaum glaubwürdig das
Profil einer konsequenten Oppositionskraft zurück gewinnen.
Eine Hals-über-Kopf-Aktion zum gegenwärtigen Zeitpunkt
würde also nur weitere Einbußen bringen - es sei denn,
es würden noch unabsehbare Dinge geschehen, die einen Bruch
unabdingbar machten. Allerdings müßte sich die PDS
für eine andere Politik innerhalb der Koalition entscheiden.
Der jüngste Landesparteitag war jedoch ein Signal in die
entgegengesetzte Richtung. Und das besondere war: Die Entscheidung
konnte nicht mit notwendigen Sparmaßnahmen und dem
Schuldenberg begründet werden. Das Argument, wo nicht
genügend sei, könne man nicht aus dem vollen
schöpfen, stand nicht zur Verfügung. Anpassung lag
bloß.
Der Parteitag sanktionierte die bereits vorab von Harald Wolf
vertretene Position, er werde die Zustimmung der Berliner Vertreter
im Bundesrat zum EU-Verfassungsvertrag nicht gefährden.
Allerdings ist ein bestenfalls mit drei Stimmen Mehrheit
gefaßter Landesparteitagsbeschluß nicht gerade ein
überzeugendes Mandat.
Man wolle wegen dieser Frage keinen Koalitionskrach "inszenieren",
wurde beschworen. Aber - das Theater könnte doch nur die SPD
veranstalten; Der Koalitionsvertrag besagt, daß sich die
Berliner Bundesratsmitglieder im Falle von
Nichtübereinstimmung enthalten. Wer gefährdet denn die
Koalition, wenn Bestimmungen dieses Vertrages in Frage gestellt
werden?
Dabei könnte die Bundesregierung eine Berliner Enthaltung im
Bundesrat gut ertragen. Eine Bundesratsmehrheit ist mit oder ohne
Berliner Zustimmung gewährleistet. Wenn der Koalitionspartner
von der Berliner PDS dennoch erwartet, eine Zustimmung im Bundesrat
zu ermöglichen, so verlangt er den nächsten Kotau.
Keiner von denen, die auf dem Parteitag darum kämpften,
daß die Berliner PDS-Vertreter im Bundesrat auf eine
Enthaltung drängen, hat übrigens verlangt, daß die
PDS nunmehr die Koalition verläßt. Ein klares Nein der
PDS hätte deutlich genug signalisiert, daß
fürderhin größere Eigenständigkeit angesagt
sein wird. Und es gäbe bis zu den Abgeordnetenhauswahlen 2006
sicher noch genügend andere Möglichkeiten,
sozialistisches Profil zu demonstrieren. Dann zeigte sich, ob
Spielraumerweiterung erstritten werden kann, wodurch die
Koalitionsfortsetzung sinnvoll sein könnte oder ob die PDS
gerade dann als Koalitionspartner für die SPD uninteressant
werden würde. In diesem Kontext wäre die Frage
öffentlich zu diskutieren, was sich die Mitgliedschaft und
nicht zuletzt die Wählerinnen und Wähler der PDS mehr
wünschen: Die Fortsetzung einer Koalition, die weitaus mehr
Enttäuschungen bescherte als sie Hoffnungen erfüllte oder
eine kräftige Opposition. Stellen wir uns dieser Frage nicht,
so kann es passieren, daß wir den als Regierungspartei
erlittenen Vertrauensverlust in der Opposition nicht mehr
ausgleichen können, von innerparteilichen Konsequenzen nach
2006 - so oder so - ganz zu schweigen. Eine solche weitere
Schwächung der Partei allerdings wäre in Anbetracht der
Entwicklung der Rechten politisch nicht zu verantworten.