Liebe Genossinnen und Genossen, beginnen möchte ich mit
einer Rückblende: Oktober 2002, die PDS hatte die
Bundestagswahlen verloren. Auf dem Geraer Parteitag lief die
Auseinandersetzung "zwischen jenen, denen Regierungsbeteiligung ein
Wert an sich ist, und jenen, denen Regierungsbeteiligung um jeden
Preis suspekt ist." [Ellen Brombacher: "Gedanken nach Gera", in:
Mitteilungen 11/2004] In Gera setzten sich die letzteren zeitweilig
durch, nicht zuletzt dank der hohen Sensibilisierung der
Parteibasis. Wir haben allerdings bereits unmittelbar nach dem
Parteitag darauf hingewiesen, daß es ein irreparabler Fehler
wäre, das Ergebnis von Gera als stabil zu bewerten. Wir hatten
vor einer Art Doppelherrschaft mit Parallelstrukturen und
absehbaren künftigen Auseinandersetzungen gewarnt - alles
nachzulesen in den Mitteilungen November 2002. Wir hatten die
anderen Töne und auch Zwischentöne sehr wohl vernommen.
So hieß es im Redebeitrag des Parteirates: "Wenn unsere
Partei ihre Handlungsfähigkeit wieder erlangen will, kann das
nur über Politikangebote geschehen. In deren Erarbeitung
müssen wir aktiv einbezogen und selbst wirksamer werden. Das
verlangt aber auch statutarische Konsequenzen." ["Die Kluft
zwischen Basis und Führung muß geschlossen werden!"
Beitrag der SprecherInnen des Parteirates in der Generaldebatte des
Geraer Parteitages, vorgetragen von Volker Steinke]
Der Geraer Parteitag wählte eine Statutenkommission, die den
Auftrag erhielt, sich mit den vorliegenden und noch eingehenden
Veränderungsvorschlägen zum Statut zu befassen, die
Diskussion innerhalb der Partei zu organisieren und Alternativen
für Grundsatzentscheidungen vorzubereiten.
Auf der konstituierenden Sitzung der Kommission am 6. Dezember 2002
wurde als einer der Arbeitsschwerpunkte das Thema
Zusammenschlüsse festgehalten. In den Protokollen nachlesbar
finden sich dann auch die auf Ausgrenzung gerichteten
Vorstöße zur Trennung der Zusammenschlüsse in
gewünschte angeblich rein sachbezogene und bestenfalls
geduldete sogenannte weltanschauliche Zusammenschlüsse. In
dieser Statutenkommission mit Hans-Henning Adler und Diether Dehm
fanden diese Vorstöße letztlich keine Mehrheit, trotz
organisierter Unterstützung durch den Ausschuß
Parteireform. Es wurde am Bestand des Statuts und am
Gründungskonsens der Partei festgehalten.
Wohl deshalb wurde die in Gera gewählte Statutenkommission in
putschartiger Manier auf dem Potsdamer Parteitag faktisch
ersetzt.
Dieselben Genossinnen und Genossen - Friedemann Reinhold, Thomas
Nord, Andreas Hein und Roswitha Steeger - die zwischen Gera und
Potsdam Exponenten der Angriffe auf die Stellung von
Zusammenschlüssen waren, sind auch Mitglieder der neuen
Kommission. Sie haben nun allerdings keinen Widerpart mehr von
Hans-Henning Adler oder Diether Dehm zu befürchten. Vielmehr
wurde mit Claudia Gohde die Autorin der seinerzeit in der Schublade
verschwundenen AG/IG Ordnung Vorsitzende der Kommission.
Spätestens seit der Sitzung der Kommission am 13. Februar kann
man davon ausgehen, daß beispielsweise Carsten Schatz,
Berliner Landesgeschäftsführer, oder Sandra Brunner als
neue Kommissionsmitglieder keine Gegner der nun wieder
hervorgeholten AG/IG Ordnung sein werden.
Die alten Ausgrenzungspositionen feiern fröhliche
Urständ:
- Nach einer in Mecklenburg-Vorpommern praktizierten Regelung
werden Zusammenschlüsse dort nur für die Dauer einer
Legislatur des Parteitags auf Antrag des Vorstandes bestätigt
- und können gegebenenfalls durch den Vorstand mit einfacher
Mehrheit auch wieder aufgelöst werden. Friedemann Reinhold,
Landesgeschäftsführer der PDS Mecklenburg-Vorpommern
empfiehlt nun dieses unsägliche Verfahren allen Ernstes der
Gesamtpartei zur Nachahmung.
- Claudia Gohde überarbeitet die faktisch schon einmal
abgelehnte AG/IG Ordnung und bereitet einen Entwurf vor, diese
ähnlich wie die Bundesschiedsordnung im Statut zu verankern
(Abstimmungsergebnis: 11 zu 0 bei einer Enthaltung).
Der Trick dieser Ordnung (der ursprünglichen wie der
überarbeiteten) ist, daß sie zwar die Unterstützung
von sogenannten sachbezogenen Zusammenschlüssen regeln soll,
sogenannte weltanschauliche aber in dieser Regelung nicht
berücksichtigt werden sollen ["Ordnung zur Unterstützung
von Arbeits- und Interessengemeinschaften sowie Vereinigungen
(kurz: AG/IG Ordnung)", 2. Entwurf, Dezember 2003].
Mit diesem Trick wäre zwar ein formal-rechtliches Problem noch
nicht gelöst - auch ein Verweis im Statut macht eine
statutenwidrige Regelung noch lange nicht statutenkonform -
faktische Wirkung hätte sie allerdings so oder so.
In einer Diskussion mit Genossin Halina Wawzyniak am 28. April 2004
äußerte Genosse Friedrich Wolff: "Seit Jahr und Tag
bewegt den Vorstand - neben anderen Problemen - der Abschnitt 7 des
Statuts 'Zusammenschlüsse'. Mit den dort genannten Arbeits-
und Interessengemeinschaften ist alles klar, doch was ist mit
Plattformen und Foren? Seit 1991, als das Statut beschlossen und
auch noch 1997 und 2000, als es geändert worden war, hatte der
Vorstand wie die Betroffenen auch in ihnen Zusammenschlüsse im
Sinne des Statuts gesehen und sie entsprechend behandelt. Doch am
16. Dezember 2002 erkannte der Vorstand seinen Irrtum und
beschloß, die Anzeige der Bildung einer bundesweiten
Arbeitsgemeinschaft 'Linke Opposition in und bei der PDS' nicht zur
Kenntnis zu nehmen und die Bundesschiedskommission anzurufen. Diese
beschloß am 6. April 2003: 'Dem Einspruch des Parteivorstands
der PDS wird stattgegeben. Die Bundesarbeitsgemeinschaft 'Linke
Opposition in und bei der PDS' ist kein Zusammenschluß im
Sinne des Abschnitts 7 des Statuts der PDS.'" Friedrich Wolff
skizzierte dann die Debatte um die AG/IG-Ordnung und kam zu dem
Schluß: "Im Ergebnis der - wie man wohl sagen darf -
offiziellen Auslegung des Statuts verschwindet die KPF wie das
Marxistische Forum aus dem Kreis der statutarisch geregelten
Zusammenschlüsse und die Bundesarbeitgemeinschaft Linke
Opposition kommt nicht hinein. Alle haben politisch etwas
gemeinsam, eine oppositionelle Haltung zur gegenwärtigen
Politik der PDS aus sozialistischer Sicht. Gewiß, auch die
'Reformer' erhalten danach nicht den Status eines
Zusammenschlusses, aber sie haben das nicht nötig, sie machen
keine Opposition, müssen sie nicht machen, sie haben genug
andere Möglichkeiten. Also gute Nacht KPF? Das neue Statut
wird es beweisen."[Friedrich Wolff: "Sein oder Nichtsein, das ist
hier die Frage", in Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der
PDS, Nr. 5/2004]
Während der Debatten um die AG/IG Ordnung Ende 2003/Anfang
2004 hatten bereits am 11. Februar 2004 Barbara Borchardt (für
die AG Betrieb & Gewerkschaft), Anne Koburger (für die
Feministische Frauenarbeitsgemeinschaft LISA), Marko Ferst
(für die Ökologische Plattform) und Ellen Brombacher
(für die Kommunistische Plattform) ein Schreiben an Genossen
Kutzmutz mit der Bitte um Antwort auf zwei konkrete Fragen
geschickt:
"1. Welchen Sinn hat eine Neueinteilung der Zusammenschlüsse
nach solchen, die in der Ordnung berücksichtigt und solchen,
die nicht berücksichtigt werden sollen?
2. Welche Gründe gibt es dafür, im fünfzehnten Jahr
der PDS-Existenz erneut eine solche Debatte zu führen (Es hat
schon einmal den Versuch gegeben, eine Aufspaltung der
PDS-Zusammenschlüsse in ideologische und nichtideologische
zustande zu bringen. Auf dem Statutenparteitag in Schwerin 1997
wurde eine solche Aufspaltung von den Delegierten mit Mehrheit
abgelehnt)?"
Trotz wiederholter Nachfrage haben wir auf diese Fragen bis heute
keine Antwort erhalten.
Dafür wurden und werden diese Regelungen anscheinend bereits
erprobt:
- So im Februar 2004: Im ursprünglichen Vorschlag für
den Delegiertenschlüssel zum 9. Parteitag sollten von 40
Zusammenschlüssen als einzigen der Ökologischen Plattform
und der Kommunistischen Plattform die Mandate gekürzt werden,
verbunden mit dem Hinweis, ihnen würden wie dem Marxistischen
Forum oder dem Geraer Dialog eigentlich gar keine Mandate zustehen.
Auf Grund des Widerstandes nahmen die "Erfinder" dieses
Delegiertenschlüssels dann doch Abstand von ihrem
offensichtlichen Versuch, Dinge über die normative Kraft des
Faktischen zu regeln.
- Im November 2004: Der neue Parteivorstand benannte die
jeweiligen Ansprechpartner für die Zusammenschlüsse - in
der Liste fehlte unter anderem die Kommunistische Plattform. "Wir
gehen davon aus", so schrieben wir in unserer Reaktion auf diese
Liste, "daß wir mit Sahra eine kanonische Ansprechpartnerin
im Parteivorstand haben, bitten aber der guten Ordnung halber in
Abstimmung mit Sahra um eine entsprechende Ergänzung der
Liste. Diese E-Mail geht als Kopie an das Marxistische Forum, an
den Geraer Dialog / Sozialistischer Dialog sowie an das Netzwerk
Reformlinke, für die ebenfalls keine Ansprechpartner benannt
worden sind." Die Antwort der Bundesgeschäftsstelle: "Der
Parteivorstand hat sich auf Ansprechpartner/innen für IG/AG
verständigt. Ideologische Zusammenschlüsse bzw.
Fraktionen sind ausdrücklich nicht dabei, wäre ja auch
etwas merkwürdig, oder? Es ist also Absicht gewesen, so zu
verfahren." Unsere Reaktion blieb wiederum unwidersprochen:
"Offenbar ist das Statut der PDS bereits ein anderes - noch bevor
es geändert worden ist."
Diese Liste ließe sich fortsetzen, beispielsweise mit den
Zuarbeiten von Sandra Brunner und Claudia Gohde für die
Beratung der Statutenkommission, gestern am 11. März.
Mit der Verabschiedung der geplanten Statutenänderungen auf
dem Hallenser Parteitag im November 2005 würde die
Pluralität der PDS grundsätzlich auf den Prüfstand
gestellt werden. Die angestrebte Unterteilung der
Zusammenschlüsse in weltanschauliche und
nicht-weltanschauliche ist selbst ideologischer Natur: Eine
Pseudo-Begründung soll marxistisch orientierten Kräften
in der PDS die Wirkungsmöglichkeiten verstellen. Auf kurz oder
lang würden das Marxistische Forum, die Kommunistische
Plattform, der Geraer Dialog und eventuell auch weitere
Zusammenschlüsse Rechte verlieren, die anderen
selbstverständlich zustehen.
Die Zusammenschlüsse, deren Wort in der Partei von einigem
Gewicht ist, haben sich in solidarischer Weise gemeinsam gewehrt.
Sie hielten nicht still, als sie mit einer Ordnung bedacht werden
sollten, die die meisten von ihnen auf den ersten Blick nicht
benachteiligte. Dafür sind wir sehr dankbar. Auch wenn die
Statutenkommission öffentlich tagt und ihre Protokolle im
Internet veröffentlicht werden, wissen die wenigsten
PDS-Mitglieder über diese Absichten Bescheid. Das paßt
sicherlich den Initiatoren der ausgrenzenden
Änderungsvorstellungen in den Kram, die zumindest derzeit
weiterhin keine öffentliche Debatte wünschen. Wir
schlagen Euch deshalb vor, uns heute mit einer öffentlichen
Erklärung an die Parteibasis zu wenden.
Weitere Informationen finden sich in einam offenen Brief an den
Parteivorstand:
http://sozialisten.de/politik/publikationen/kpf-mitteilungen/view_html?zid=26831&bs=1&n=9