20.09.2011
Utopische Momente
Ideen der Ost- und Westlinken diskutieren: Boris Kanzleiter legt eine Studie über die »Rote Universität« in Jugoslawien vor
Elfriede Müller
Verkörperten der jugoslawische Sozialismus und dessen Linksopposition
eine Alternative zu Spätkapitalismus und Stalinismus? Boris Kanzleiter
bejaht diese Frage in seiner umfassenden Studie »Rote Universität«.
Auch wenn er am Ende feststellen muß, daß der jugoslawische
Sozialismus samt seinen linken Kritikern gescheitert ist. Gleichwohl
ist gerade die Geschichte der jugoslawischen Linksopposition und vor
allem die der »Praxis-Philosophie« von Interesse für eine europäische
Linke, die bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, auch wenn es sich
hierzulande um eine wenig bekannte Geschichte handelt.
Die
Belgrader wie die jugoslawische Linksopposition insgesamt waren Teil
einer internationalen Protestbewegung der 60er Jahre, deren
Besonderheit in Jugoslawien darin bestand, daß die Ideen der Ost- und
Westlinken gemeinsam diskutiert wurden. Kanzleiter behandelt in seiner
Arbeit die verschiedenen Strömungen der Linksopposition, die einen
humanistischen Marxismus vertretende »Praxis«-Gruppe, Arbeiterproteste
und künstlerische Ausdrucksformen in Literatur, Theater und Film.
Die 68er-Bewegung fügte sich in diesem Land in einen Reform- und
Krisenprozeß ein, der Mitte der 60er Jahre mit einer Liberalisierung
begann, starke Konflikte in allen Teilen der Gesellschaft auslöste und
zehn Jahre später mit einer autoritären Restrukturierung des Regimes
beendet wurde. Kanzleiters Studie stellt in der aktuellen
Geschichtsschreibung eine Ausnahme dar, weil er der Verdrängung der
Geschichte des sozialistischen Jugoslawien und der nach dem
Zusammenbruch des Landes wieder geförderten Nationalgeschichtsschreibung
eine kritische Aufarbeitung entgegenstellt, indem er die utopischen
Momente dieser Zeit darstellt und interpretiert.
Die
Linksopposition agierte auf einer kommunistischen Grundlage, die sie
reformieren und eben nicht abschaffen wollte, wie es ihr von
offizieller Seite entgegengehalten wurde. Die versprochene, aber nicht
realisierte Arbeiterselbstverwaltung spielte dabei eine entscheidende
Rolle. Sie stand im Parteiprogramm des Bundes der Kommunisten
Jugoslawiens und wurde von der Linksopposition ausgemalt und
eingefordert. Die Arbeiterselbstverwaltung symbolisierte auch den von
Jugoslawien eingeschlagenen »Dritten Weg« nach dem Bruch mit der
Sowjetunion 1948.
Ende der 60er Jahre gab es in Jugoslawien
einen Generationskonflikt. Diejenigen, die als Partisanen gegen die
Deutschen im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, besetzten die
Schlüsselpositionen des Landes und blockierten die nachfolgenden
Altersgruppen. Die Jugendlichen protestierten auch gegen den Kontrast
der Partisanenmythen mit dem teilweise konformistisch gewordenen
Verhalten der alten Kämpfer in Friedenszeiten. So fragte sich im März
1967 ein Gymnasiast in der kroatischen Tageszeitung Vjesnik: »Wo sind
die Revolutionäre heute?« Wie in Frankreich, wo viele Teilnehmer der
68er-Revolte Kinder jüdischer Kommunisten waren, waren es in
Jugoslawien häufig die Kinder von kommunistischen Partisanen, die
rebellische Protestformen initiierten. Die zwei Quellen der Revolte
waren Kanzleiter zufolge die Gruppe der gesellschaftkritischen
Intellektuellen um die Zeitschrift Praxis und die kritische Kunst- und
Kulturszene. Beide nahmen internationale Trends auf und prägten sie
mit. Die meisten Praxis-Vertreter waren Mitglieder des SKJ (Bund der
Kommunisten Jugoslawiens), unterstützten den Aufbau des jugoslawischen
Sozialismus und begrüßten die Abkehr von der Sowjetunion.
Ab
den 50er Jahren formulierten sie Kritik an der gesellschaftlichen
Realität, die in den 60er Jahren ausgeweitet und von der
Studentenbewegung und der Kunstszene aufgegriffen wurde. Zentrale
Kritikpunkte waren das Basis-Überbau-Schema des Marxismus-Leninismus und
die auch im jugoslawischen Sozialismus existierende Entfremdung. Ziel
war die Schaffung einer Gesellschaft, die ihre Selbst-Entfremdung
kritisch wahrnehmen kann, und eine permanente Revolutionierung dieser
Gesellschaft durch ihre Subjekte. Man war der Meinung, daß die
Revolution ein fortwährender Prozeß sei und kein einzelnes Ereignis.
Vertreter der Praxis-Gruppe waren u.a. Gajo Petrovic, Predrag Vranicki,
Rudi Supek, Zagorka Golubovic, ´elmir ´elnik, Mihailo Markovic und
Milan Kangrga. Die Autoren der Zeitschrift Praxis verlangten eine
Demokratisierung im Rahmen des Selbstverwaltungssystems auf der
Grundlage der Rätedemokratie, wenige unter ihnen ein sozialistisches
Mehrparteiensystem. Die geforderte »integrale Selbstverwaltung« stand im
Kontext der internationalen Debatten der Neuen Linken in den 60er
Jahren. Zur von 1963–1974 stattfindenden jährlichen Sommerschule auf der
Adriainsel Korcula kamen international agierende Linke wie Herbert
Marcuse, Erich Fromm, Leszek Kolakowski, Agnes Heller, Ernest Mandel,
Henri Lefebvre, Iring Fetscher, Jürgen Habermas, André Gorz oder Daniel
Guérin. Die jugoslawischen humanistisch ausgerichteten
Linksoppositionellen hatten zahlreiche Betätigungsfelder. Im Unterschied
zu anderen osteuropäischen Ländern waren sie keiner Repression
ausgesetzt. Die Diversität Jugoslawiens wird vor allem in Kanzleiters
Schilderungen der schillernden Kunst- und Kulturszene deutlich, die alle
Avantgardeaspekte ihrer Zeit repräsentiert und auch an die Strömungen
des Dadaismus, Surrealismus u. a. in den 20er Jahren im Königreich
Jugoslawien anknüpft. Spannend ist dabei der Kampf um die Autonomie der
Kunst.
Der Bund der Kommunisten war wahrscheinlich die
einzige Partei weltweit, die die Protestbewegungen Ende der 60er Jahre
als Bestätigung der eigenen Ideologie begrüßte. Die jugoslawische
Studentenbewegung zeigte ihre Verbundenheit mit den Protesten sowohl
in Westeuropa und den USA gegen den Vietnamkrieg als auch mit der
Protestbewegung in Osteuropa, als sie sich im Frühjahr 1968 mit den
Studenten und Professoren bei den »März-Unruhen« in Polen
solidarisierten und gegen die antisemitische Kampagne, die die
polnische Parteiführung gegen die Protestierenden inszenierte,
Stellung nahmen. Am 21. August 1968 formulierten die internationalen
Teilnehmer der Korcula-Sommerschule einen Protestbrief gegen den
Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei,
wahrscheinlich das einzige Dokument, das damals von kritischen Ost-
und Westintellektuellen gemeinsam veröffentlicht wurde.
Innenpolitisch stellten sich die Protestierenden in die historische
Tradition der kommunistischen Bewegung der Zwischenkriegszeit und des
Partisanenkampfes. Sie forderten die Verwirklichung der
Arbeiterselbstverwaltung, mehr soziale Gerechtigkeit und die Umsetzung
der Verfassungen von 1958 und 1963 mit ihren demokratischen Ansprüchen.
Die Bewegung äußerte sich in Demonstrationen, Besetzungen der
Belgrader Universität, dem Versuch, basisdemokratische
Aktionsausschüsse zu bilden, und weitete sich auf andere
Universitätsstädte aus. Die Studentenbewegung schaffte es, zu einem
Kristallisationspunkt für eine regimekritische Linksopposition zu
werden. Die Bewegung wurde eingedämmt durch eine Kombination von
verbalen Zugeständnissen und selektiver Repression.
Kanzleiters Schilderung der Belgrader Linksopposition kommt nicht umhin,
auf die gesamte Geschichte des sozialistischen Jugoslawiens und
seines Scheiterns einzugehen, auch um die besondere Rolle der
Linksopposition und die Hellsichtigkeit ihrer Kritik deutlich werden
zu lassen. Es war dies eine Kritik, die den wachsenden Nationalismus
in Jugoslawien auf die Klassenstruktur zurückführte und konkret die
Verfassung von 1974 in Frage stellte, die die konföderale Struktur des
Landes festlegte. Dieser Analyse zufolge konnten die Arbeiter nie die
Subjekte der programmatisch festgelegten Arbeiterselbstverwaltung
werden. Die Dezentralisierung des Landes ohne Demokratisierung führte
schließlich zu dessen Zerfall. Die projugoslawische Linksopposition,
die stärkste politische Kraft gegen den Nationalismus, war schon
vorher entmündigt worden.
Boris Kanzleiter: Die »Rote
Universität« - Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad
1964–1975. VSA, Hamburg 2011, 486 Seiten, 29,80 Euro
Erschienen in: Junge Welt, 19.9.2011