Eine sächsische Langzeitstudie, die junge Ostdeutsche nach
ihren politischen Einstellungen befragt, hat gerade die Ergebnisse
ihrer letzten Erhebung veröffentlicht.
Daß das Profitsystem ihnen eine Zukunft bietet, jedenfalls
eine gute und erstrebenswerte, erwartet die Mehrheit dieser jungen
Menschen längst nicht mehr. Statt dessen stellt die Studie
eine "zunehmende Tendenz der Identifikation mit sozialistischen
Idealen" fest.
Nach Gründen muß man nicht weit suchen. Zwei Drittel der
Befragten haben durchleiden müssen, was es heißt,
arbeitslos zu sein. Viele geben an, Angst zu haben vor Hartz IV und
vor Altersarmut. Was Kapitalismus bedeutet, muß man diesen
jungen Menschen nicht erklären, das erleben sie
täglich.
Und die große Koalition des Neoliberalismus arbeitet
fleißig daran, daß dieses Erleben immer härter,
kälter und brutaler wird. Jedenfalls für jene große
Mehrheit der Menschen, die keinen Grund haben, sich über
Dividendenrekorde oder Höhenflüge des Dax zu freuen,
sondern die ahnen, daß nach der nächsten Reform ihr
Geldbeutel noch ein Stück leerer und ihr Leben noch ein
Stück unsicherer sein wird als es ohnehin schon ist.
In einer solchen Zeit das Projekt einer neuen Linken an kleinlichen
Konflikten scheitern zu lassen, wäre verantwortungslos.
Konflikte werden aber nicht nur durch Teile der Berliner WASG
geschürt.
Ich bin überzeugt, auch wir haben noch Hausaufgaben zu machen,
wenn tatsächlich die Basis für eine starke Linke mit
Ausstrahlung und Rückhalt geschaffen werden soll.
Nach der bereits zitierten Studie hat sich die Zahl der jungen
Ostdeutschen, die keiner Partei mehr vertrauen, "drastisch auf drei
Viertel erhöht". Im Klartext heißt das, drei Viertel von
ihnen erwarten auch von uns, von der Linkspartei, nichts mehr.
Dieser Trend zeigt sich auch in Wahlergebnissen, selbst da, wo die
Prozente noch stimmen. Wir haben in Sachsen-Anhalt gegenüber
der letzten Landtagswahl 20.000 Stimmen verloren.
Das einfach zu verdrängen oder wegzureden, wäre nicht
ehrlich gegenüber uns selbst.
Das Problem ist eben: Wir müssen Menschen nicht nur von
unseren Positionen überzeugen. Wir müssen sie vor allem
davon überzeugen, daß wir tatsächlich auch zu
diesen Positionen stehen, daß wir nicht eine jener Parteien
sind, die heute das Blaue vom Himmel verspricht und morgen das
Gegenteil macht, sondern daß die Linke sich niemals mit
Sozialraub, Profitkalkül und Kriegspolitik abfinden wird,
daß sie sich nicht im Kapitalismus einrichtet, sondern
für grundlegende Alternativen steht.
Die Linkspartei.PDS steht für viele Menschen offenbar nicht
mehr für grundlegende Alternativen. Und es gibt Gründe,
warum das so ist. Gerade in Berlin, aber nicht nur da, haben wir in
der Vergangenheit oft genug Wein gepredigt und Wasser verteilt.
Schlechtes Wasser. Und dafür braucht man uns nicht.
Es kann beispielsweise einfach nicht sein, daß in Dresden
Mandatsträger unserer Partei daran beteiligt sind, der
größten Verschleuderung kommunalen Wohneigentums in der
Geschichte der Bundesrepublik den Weg zu bereiten.
Es kann nicht sein, daß in Berlin Vertreter unserer Partei
ein Sparkassengesetz mitverantworten, daß den privaten Banken
den lang ersehnten Durchbruch ermöglichen soll.
Es kann nicht sein, daß der Energie-Konzern Vattenfall
für eine erneute Preistreiberei um 5 Prozent auch noch den
Segen unseres Berliner Wirtschaftssenators bekommt.
So können wir nicht weitermachen, wenn wir ernsthaft eine
starke Linke in der Bundesrepublik wollen. Wir brauchen klare
Mindeststandards fürs Mitregieren. Einige haben wir in unserem
Aufruf "Für eine antikapitalistische Linke" skizziert. Bei
Privatisierungen und sozialen Kürzungen sind die neoliberalen
Parteien Meister, dieses Feld sollten wir ihnen in Zukunft wirklich
allein überlassen.
Zu signalisieren, daß es ein einfaches "Weiter so" auch in
unserer Politik nicht geben wird, gehört, denke ich, zu
unseren wichtigsten Aufgaben im Parteibildungsprozeß und
würde ganz sicher auch der WASG erleichtern, ihre Konflikte zu
lösen.
Und gelöst werden müssen sie, denn dieses Land braucht
endlich eine politische Kraft, die stark genug ist, dem Treiben
jener Wirtschaftslobbyisten im Politikergewand Paroli zu bieten,
stark genug, Gegenwehr zu ermutigen und zu mobilisieren, stark
genug zu erreichen, daß soziale Sauereien irgendwann auch in
Deutschland so enden werden wie das jüngste Arbeitsmarktgesetz
jetzt gerade in Frankreich. Und dafür brauchen wir eine Partei
mit klarem linkem Profil, mit konsequent antineoliberaler Politik
und sozialistischen Zielen.