13.06.2006
»Die PDS braucht die Regierungsbeteiligung nicht – aber diese Gesellschaft braucht die PDS als Oppositionskraft ...«
Einstimmig gefasster Beschluss des Berliner Landessprecherrates der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS im Februar 2006
»Unser Ziel«, so heißt es in der
Erklärung der drei geschäftsführenden
Landesvorstände von Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin vom
23. Januar 2006 »bleibt daher die Beendigung bzw. die
Verhinderung großer Koalitionen – in den Ländern
wie im Bund. Das setzt bei der Linkspartei.PDS politischen Willen,
konzeptionellen Vorlauf und handwerkliche Fähigkeit voraus, um
selbst Regierungsverantwortung zu übernehmen, dafür zu
kämpfen und Mehrheiten zu mobilisieren.«
Liest man die Erklärung in Gänze, so findet sich kein
einziger Satz, der diese, die Bundesebene einschließende,
unbedingte Regierungsbefürwortung relativiert oder auch nur
halbwegs verbindlich konditioniert. Die im Papier vorgenommene
Einschätzung des Wirkens der SPD – PDS Koalition in
Berlin ist blanke Apologetik.
Diese Erklärung ist weit mehr, als eine Brüskierung der
Berliner WASG-Mehrheit. Sie zeugt auch von der Negierung der
kritischen bis ablehnenden Haltung, die nicht wenige Mitglieder der
PDS zur Regierungsbeteiligung in Berlin einnehmen. Zwischen solchen
und WASG- Aktivisten gibt es mancherorts durchaus schon eine
konstruktive Zusammenarbeit: nicht zuletzt das gemeinsame Wirken in
außerparlamentarischen Bewegungen und Bündnissen.
Allerdings – das Problem vieler, die WASG-Mehrheit in Berlin
Repräsentierenden besteht nicht zuletzt darin, dass sie
für die regierungskritischen Teile der Berliner
PDS-Mitgliedschaft nur ein müdes Lächeln übrig
haben. Statt eines differenzierten Umgangs mit der PDS-Basis
pflegen sie die SED-Schelte und merken gar nicht, wie nahe sie in
diesem Punkt so manchen PDS-Persönlichkeiten sind, die nichts
lieber kappen würden, als die Wurzeln ihrer Partei.
Überdies erfolgt die Kritik der WASG-Mehrheit an der
SPD-PDS-Koalition in Berlin nicht selten auf eine Art, die es
denjenigen in der WASG sehr leicht machen könnte, die
gemeinsam mit den führenden Funktionären der Berliner
Linkspartei.PDS eine erneute Regierungsbeteiligung in Berlin
anstreben. Eine undifferenzierte Anti-PDS-Haltung bewirkte und
bewirkt zudem in der PDS Solidarisierungseffekte mit den
Protagonisten von Rot-Rot. Nun hört man hin und wieder die
vorwurfsvolle Frage: Was hat Euer Widerstand gegen die Politik des
rot-roten Senats denn praktisch geändert? Wenig. Das wissen
wir. Aber zumindest haben wir dazu beigetragen, dass die
Auseinandersetzung um diese Politik nicht verstummte – auch,
weil unsere Kritik von Teilen der Basis mitgetragen wurde und wird.
Wer sich von der PDS-Basis vollends isoliert, wird nicht einmal das
erreichen! Dies offen auszusprechen mag wenig populär sein.
Dennoch bitten wir Genossinnen und Genossen in der Berliner WASG,
über unsere Überlegungen nachzudenken.
Unsere Position zur SPD-PDS Koalition in Berlin ist bekannt und
über die Jahre in den Mitteilungen der Kommunistischen
Plattform dokumentiert. Das bewahrt uns offensichtlich nicht vor
Verfälschungen und Verzerrungen; so am 9. Januar 2006 im
Artikel von Herbert Münchow »Sackgasse
Regierungsbeteiligung« in der jungen Welt. Wer wissen
möchte, was Ellen Brombacher in der von Münchow
interpretierten Rede tatsächlich gesagt hat, findet diese im
Wortlaut in den Mitteilungen 12/2005. Und wenn Michael Koss und Dan
Hough in einem Manuskript, Sussex1 vom Jahr 2005 aus dem
Tagesspiegel vom 27.02.2003 zitieren, Ellen Brombacher habe auf dem
Januarparteitag 2003 zur Berliner rot-roten Koalition
geäußert: »In dieser Situation kann das
wahrscheinlich niemand besser machen als Ihr«, dann sind
diese Worte unredlich aus dem Zusammenhang gerissen. Schon der
folgende Satz aus dem Tagesspiegelartikel wird unterschlagen:
»Brombacher fügte hinzu, dass man angesichts dessen, was
real möglich ist, eigentlich gar nicht erst mitregieren
dürfe.«
Wir haben uns zu keiner Zeit abstrakt gegen Regierungsbeteiligungen
auf Länderebene ausgesprochen. Wir waren und sind allerdings
gegen Regierungsbeteiligungen unter Bedingungen, die das
SPD-Konzept von der Entzauberung der PDS bedienen. Gerade deshalb
stellten wir auf dem Landesparteitag am 10/11. Dezember 2005 den
Antrag, auf eine Koalitionsaussage zu verzichten. Gerade deshalb
halten wir es für politisch abenteuerlich, für 2009 die
Frage nach der Regierungsteilhabe im Bund zu stellen. Allein die
zwangsläufigen Konsequenzen aus den
BRD-Bündnisverpflichtungen für die geltenden
friedenspolitischen Grundsätze unserer Partei hätten eine
verheerende Wirkung. Wir könnten nur spekulieren, warum Leute
wie Münchow oder Koss und Hough dem Landessprecherrat der KPF
Berlin just zu diesem Zeitpunkt unterstellen, wir hätten uns
der Position der Regierungsfetischisten, beinahe um jeden Preis
koalieren zu wollen, angepasst. Unsere Standpunkte sind klar und
– dies sei in Anbetracht der Verzerrungen und
Verfälschungen wiederholt: Sie sind durchgängig
dokumentiert. In komplexer Form finden sie sich im Beitrag der
Mitglieder des Landessprecherrates Ellen Brombacher und Carsten
Schulz im von Edeltraut Felfe, Erwin Kischel und Peter Kroh im
GNN-Verlag herausgegebenen Buch »Warum? Für Wen?
Wohin?« Beide ziehen folgendes Resümee:
»Wir meinen, es ist an der Zeit, in der PDS endlich folgende
Fragen zu diskutieren: Welchen Stellenwert hat Oppositionspolitik
in einem System, dessen Funktionsmechanismen stetig mehr
Asozialität und Aggression produzieren? Was bringt
Regierungsbeteiligung, wenn katastrophale Ausgangsbedingungen und
ein mehr als ungünstiges Kräfteverhältnis dem Wunsch
nach Gestaltungsspielraum zunehmend voluntaristischen Charakter
verleihen? Hinter diesen Fragen verbirgt sich nicht a priori ein
Plädoyer gegen Koalitionsbeteiligung als mögliche
Politikform für eine sozialistische Partei. Aber – sie
sind schon ein Plädoyer gegen eine Regierungsbeteiligung unter
konkreten Bedingungen, die einen unappetitlichen Kompromiss nach
dem anderen diktieren. Das führt zur Zerstörung der
Identität der Partei selbst. Die PDS braucht die
Regierungsbeteiligung nicht – aber diese Gesellschaft braucht
die PDS als Oppositionskraft im Rahmen zunehmend notwendiger und
stärker werdender sozialer Auseinandersetzungen, im Rahmen der
beinahe täglich an Bedeutung gewinnenden Friedensbewegung und
des Antifaschismus.«