13.06.2006
Diskussionsbeitrag von Edith Bartelmus-Scholich bei der Konferenz am 10. Juni 2006
Liebe Genossinnen und Genossen,
ich danke Euch für die Einladung und die Möglichkeit ein
Grußwort an diese Versammlung zu richten. Am 20. Mai haben
sich in Kassel 280 Mitglieder der linken WASG-Opposition getroffen.
Es haben alle Strömungen der WASG-Opposition, sowie Linke aus
Linkspartei.PDS und den sozialen Bewegungen sichtbar und vernehmbar
teilgenommen. Die herzlichen und solidarischen Grüße
dieser Konferenz überbringe ich Euch.
Das in Kassel begründete Netzwerk Linke Opposition hat die
Initiative zu diesem Treffen der Unterzeichnerinnen und
Unterzeichner des Manifests für eine antikapitalistische Linke
sehr begrüßt. Wir haben einstimmig beschlossen an diesem
Treffen teilzunehmen. Sehr frühzeitig haben wir den
Vorbereitern angeboten, auch inhaltliche Beiträge
einzubringen. Leider sind wir nicht auf Interesse gestoßen.
Dieses Angebot erhalten wir für zukünftige
Veranstaltungen aufrecht. Wir hoffen, dass ihr mit uns der Meinung
seid, dass Bekenntnisse zum Pluralismus wenig helfen, wenn sie sich
nicht in einer glaubwürdigen Praxis nieder schlagen. In Kassel
waren wir einig, dass es in Deutschland geboten ist eine neue linke
Partei aufzubauen. Das Versagen der Sozialdemokratie politische
Lösungen zu finden, die einem globalisierten Kapitalismus
etwas entgegensetze können, hat zu gesellschaftlichen und
politischen Entwicklungen geführt, die in ihrer Konsequenz
vielen Menschen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
gepflegten Illusionen über eine „Zähmung des
Kapitalismus“ nehmen. Die Ernüchterung über die
Entwicklung der SPD, die Verschlechterung der Lebenslage für
Millionen durch eine rigide Politik des Sozialabbaus der
rot-grünen Bundesregierung, aber auch der geringe Widerstand
gesellschaftlicher Akteure, wie Kirchen,Sozialverbände und
Gewerkschaften, haben, die Notwendigkeit des Aufbaus einer
politischen Formation, die solidarische Alternativen in den
Mittelpunkt ihrer Programmatik stellt, deutlich gemacht. Sie muss
ihren Beitrag leisten das Kräfteverhältnis zwischen
Kapital und Arbeit wieder zu Gunsten der Arbeit zu verschieben. Sie
muss dazu beitragen neoliberale Hegemonie zu brechen und einen
Politikwechsel einleiten. Sie muss auch den Beschäftigten und
Erwerbslosen wieder eine Stimme in den Parlamenten geben. Sie muss
diejenigen, die in unserer Gesellschaft resigniert haben, die nicht
einmal mehr an Wahlen teilnehmen, neu für
die Politik gewinnen. Nicht zuletzt muss sie ausgehend von
anschlussfähigen Forderungen Perspektiven über die
kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung hinaus
anbieten.
Erfolgreich wird die neue Linke nur sein, wenn sie Hunderttausende
Mitglieder und Millionen Wählerinnen und Wähler erreicht.
Der Schlüssel zum Erfolg ist dabei ihre Glaubwürdigkeit.
Nicht Standortdenken und Profitlogik, sondern die Interessen der
Arbeitenden und Erwerbslosen müssen im Fokus stehen. Nicht
hinnehmbar ist die Beteiligung an Sozialabbau, Privatisierung
öffentlichen Eigentums oder die Absenkung von Tarifen im
öffentlichen Dienst. Eine neue Linke, die neoliberale
Politikkonzepte übernimmt wird nicht lange Freude an ihren
Erfolgen haben. Eine fünfte neoliberale Partei ist so
überflüssig wie ein Kropf.
In diesem Sinne sind die Beteiligungen der Linkspartei.PDS an den
Regierungen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern leider nicht
Richtung weisend, sondern vielmehr eine
Sackgasse und eine schwere Hypothek für die neue Linke. Die
Entscheidung der WASG - Landesverbände Berlin und Mecklenburg
- Vorpommern, in ihren Bundesländern nicht auf
L.PDS-Listen zu kandidieren, entspricht dem Auftrag des
WASG-Programms, keine Regierungen mitzutragen oder zu tolerieren,
die Sozialabbau und Privatisierungen betreiben.
Eine neue Linke kann nur eine demokratische und pluralistische
Linke werden. Wir wollen Ernst machen mit dem Anspruch eine neue
Art von Partei zu schaffen, die von unten nach
oben aufgebaut wird, die von ihren Mitgliedern regiert wird und die
sich als breite pluralistische Sammlungsbewegung versteht. In
dieser Partei sollen alle Strömungen der
demokratischen Linken und alle historischen Erfahrungen Platz
haben. Eine solche Partei muss Unterschiede aushalten.
Widersprüche sind der Motor ihrer Fortentwicklung. Es
ist
verderblich in dieser Partei auf den Zwang administrativer
Maßnahmen zu setzen. Vielmehr muss gelten: Die Freiheit des
Andersdenkenden ist erst real als die Freiheit des
Andershandelnden! Parteineubildung ist für uns das
parteiübergreifende Zusammenwachsen aller linken
antineoliberalen Kräfte auf einer klaren inhaltlichen Basis in
engster Verbindung mit den sozialen
Bewegungen in allen Teilen der Gesellschaft. Politik verstehen wir
in erster Linie als unmittelbare Aktivität in Betrieben,
Schulen und Stadtvierteln, während parlamentarische
Arbeit nur Teil und Ausdruck dieser Kämpfe sein kann.
Die WASG wurde als eine solche Partei gegründet. Viele
Menschen haben Hoffnungen in sie gesetzt. Die Konferenz in Kassel
hat sich auch zum Ziel gesetzt, diesen Gründungskonsens
der WASG zu verteidigen. Die Konferenzteilnehmer haben sich
entschlossen dazu eine öffentlich sichtbare Vernetzung in der
WASG und L.PDS zu schaffen. Dabei wollen wir alle
einbeziehen, die diesen Parteien noch nicht oder nicht mehr
angehören. Dieses Netzwerk Linke Opposition engagiert sich
für eine Vereinigung der Linken auf anti-neoliberaler
Grundlage.
Die Zusammenarbeit der antikapitalistischen Kräfte aus WASG
und Linkspartei.PDS muss nach unserer Auffassung wesentlich enger
werden. In einem Diskussionsprozess sollten wir
uns und unsere unterschiedlichen Vorstellungen kennen lernen. In
dem Manifest für eine antikapitalistische Linke haben viele
Mitglieder des Netzwerks Linke Opposition auch einen ersten Ansatz
dazu gesehen. Darauf würden wir gern aufbauen.
Wir laden Euch ein, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen, Euch
in selbstorganisierte Projekte des Netzwerks Linke Opposition
einzubringen. Hier sind besonders zu nennen, die
Bildungsgemeinschaft SALZ, die bundesweit eine emanzipatorische
Bildungsarbeit betreibt. Die Debattenseite www.linkspartei-debatte
und die Linke Zeitung www.linkezeitung.de .
Darüber hinaus haben wir in Kassel einstimmig beschlossen,
Euch die gemeinsame Vorbereitung und Durchführung einer
Konferenz im Herbst dieses Jahres vorzuschlagen.
Natürlich erwarten wir auch mit Spannung Eure Vorschläge,
Impulse und Beiträge nicht erst im Herbst, sondern schon
heute. In diesem Sinne freuen wir uns hier zu sein und
wünschen dem Treffen jeden Erfolg.