Online-Netzwerke wie Facebook bieten Platz für alle. Dort treffen sich Linke, Rechte, Mittige und dazwischen ganz viele unpolitische. Auch die Rüstungsindustrie macht dort ihre Arbeit. So scheint sich z.B. Oliver Mittelsdorf von der Rüstungsfirma Rheinmetall Defence besonders für die Mitglieder des Bundestags-Verteidigungsausschusses zu interessieren. Üblicherweise nehme die vielen Einladungen zu Lobbyveranstaltungen nicht an. Doch auf das Kontaktangebot von Herrn Mittelsdorf bin ich eingegangen. Für die abrüstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag ist es ja eine noble Aufgabe, auch vor unangenehmen Zeitgenossen nicht zurückzuschrecken.
Linke sind natürlich für Datenschutz und gegen Orwell’sche Überwachung. Da der Bremer Lobbyist seine Kommentare jedoch in öffentlich zugänglichen Facebook-Räumen macht, sind sie zur Weiterverbreitung geeignet.
Seit der Kontaktaufnahme bleibt kaum eine Pressemitteilung von mir unkommentiert. „Deutschland und seine Politiker planen keine Kriege“, stellt Herr Mitteldorf klar. „Sie gehen aber nicht davon aus, dass morgen der kollektive Weltfriede ausbricht.“ Ach so. Er vergleicht Kriegspolitik mit dem Gesundheitswesen: „Wirklich dankbar bin ich meinem Zahnarzt auch nicht, wenn er mir eine Wurzelbehandlung ankündigt. Aber was wäre die Alternative?“ Die Antwort eines Genossen: „alle faulen wurzeln raus, auch wenns weh tut, und dann wieder beherzt und beschwerdefrei zubeißen“.
Doch Herr Mittelsdorf lässt sich nicht unterkriegen. Es werde in Zukunft nun mal mehr militärische Einsätze geben: „Kreuz durchdrücken und der Wahrheit ins häßliche Angesicht blicken. Erst wenn Politiker sich davon lösen, wiedergewählt zu werden, werden sie uns ‚reinen Wein‘ einschenken.“ Den Satz „Soldaten sind Mörder“ nimmt er freiwillig für sich in Anspruch: „Da Mord nicht verjährt, bin ich dann wohl einer dieser Mörder.“
Besonders lesenswert sind die moralischen Appelle des Absolventen der Bundeswehr-Uni an mich und meine 435 meist linken Facebook-Kontakte: „Liebe Linke, Alternative, etc. akzeptiert doch bitte diese alte bayrische Weißheit (sic!): ‚Der Mensch ist gut, die Leit san schlecht.`“ Aha. Dass es deswegen dringend geboten ist, Waffen an diese „Leit“ zu verkaufen, liegt buchstäblich auf der Hand.
In der Facebook-Gruppe „Bundeswehr – German Army, Navy & Air Force“ kommentiert der Abteilungsleiter des Rheinmetall-Vertriebs die Diskussion über „Ekelrituale“ bei der Bundeswehr: „Wird das jetzt zur Hexenjagd? Rituale sind für Außenstehende immer befremdlich. Sollen deshalb zivile und militärische Traditionen abgeschafft werden?“ Außerdem ist der Rüstungslobbyist Mitglied der Gruppe „We support our German troops!“, die unter der Kategorie „Gemeinsame Interessen - Anliegen & Gute Zwecke“ läuft. Dort verkündet er: „Ich habe 12 Jahre lang bei der Armee gedient und bin vor 6 Jahren ausgeschieden. Viele meiner Freunde sind noch im Dienst. Jetzt arbeite ich in der Rüstungsindustrie und ich bin stets darum besorgt, dass die Truppen die richtige Ausstattung haben, um ihren Job zu tun. Nicht, weil das meine Arbeit ist, sondern, weil sie meine Freunde sind.“ (Übersetzung durch die Autorin)
Seine Firma Rheinmetall gleicht krisenbedingte Verluste im Automobil-Bereich aus durch hohe Ertragszahlen bei der Rüstung. Auf der Webseite von Rheinmetall freut man sich über Rekord-Auftragszahlen für Rüstungsgüter. Zudem lobt Rheinmetall ausdrücklich den deutschen Einsatz für das Abkommen zu Streumunition. Darin werden kleinere Geschosse mit weniger Sprengkörpern aus dem Verbot von Streumunition ausgenommen. Darauf kann auch Herr Mittelsdorf stolz sein…
Bei so viel beruflichem Erfolg stören ihn die bissigen Wortmeldungen von Linken wahrscheinlich nur wenig. Oft sieht er sich gezwungen, inmitten lauter ewiggestriger, unbelehrbarer Kriegsgegner zu kapitulieren, behält aber gerne das letzte Wort: „Schade das (sic!) eine sachliche Diskussion zu diesen Themen nicht möglich scheint. Schönen Abend noch.“
Erschienen in leicht gekürzter Form: Junge Welt, 18.5.1020
