20.01.2010

Helfen und herrschen

Haiti, ein stinknormaler imperialistischer Konkurrenzfall für die Weltgemeinschaft

Joe Straubinger In den Trümmern von Port-au-Prince geht ein altbekanntes Gespenst um. Dessen Erscheinen hatte auch jeder sehnlichst erwartet, nachdem ein Erdbeben am vergangenen Dienstag aus Haiti, dem »ärmsten Land der westlichen Hemisphäre«, das allerärmste Land der westlichen Hemisphäre gemacht hat. Das Gespenst ist die »Weltgemeinschaft«. Diese wird natürlich auch im Fall Haitis von den USA angeführt.

Der Umstand, daß die Vereinigten Staaten erst mal 11000 Soldaten in die desolate Inselrepublik schicken, zeigt gut, daß es auch im zerstörten Port-au-Prince zunächst um Sicherung geht. Daß diese Sicherung nichts mit der möglichst effizienten Verteilung von Lebensmitteln oder sonstiger Hilfe zu tun hat, hört man aus den Klagen der Staaten heraus, die im Gefolge der USA in Haiti antreten. Frankreich, Brasilien und Deutschland leiden bereits lautstark darunter, daß ihr Aufwand vor Ort unter Ami-Dach und -Kommando stattzufinden hat. Was öffentlich unter dem Titel »möglichst wirkungsvolle Hilfe« gefaßt wird, ist also nichts als ein stinknormaler imperialistischer Konkurrenzfall.

Um die Öffentlichkeiten zu Hause im Sinne der Notwendigkeit des jeweils eigenen Aufwands in Haiti zu agitieren, wird in Presse, Funk und Fernsehen der Nationen, die sich zuständig fühlen, nicht an der Schilderung von Einzelheiten der Tragödie gespart. Aber kaum erfährt man etwas über die trostlose Situation in Haiti, stellt sich heraus, daß die nachhaltigen Schwierigkeiten gar nichts mit dem Erdbeben selber zu tun haben: Die Leute dort haben kein Geld; es gab bereits vorher keine funktionierende Wasserversorgung mehr; ein wachstumsträchtiges Wirtschaften, aus dem der Staat Machtmittel schöpfen könnte, gibt es sowieso nicht. Letzterer ist für seine Durchsetzungsfähigkeit längst auf Truppen aus dem interessierten und potenten Ausland angewiesen.

Was also weltweit als »Schicksalschlag« oder »Katastrophe biblischen Ausmaßes« firmiert, ist ein weitgehend hergestelltes Elend. Hergestellt von genau der Weltgemeinschaft, die es eben gibt, und auf deren Hilfsbereitschaft es nun ankommen soll: eine stets zuständige Supermacht und ihre De-facto-Juniorpartner, die so gerne Herausforderer wären.

In den Medien der genannten Staaten ist ständig über die jeweils anderen zu lesen und zu hören, diesen ginge es »nicht nur« um »humanitäre« Interessen, sondern auch um Macht. Ein Vorwurf, der auch bei »kritischen« Menschen oft vorkommt, der sich aber an den guten Gründen blamiert, die die USA oder die EU für ihr Eingreifen dort haben. Deren Zuständige machen gar kein Hehl aus ihren tiefen Zweifeln daran, ob Hilfsgüter und -gelder je bei Bedürftigen ankommen. Ihnen geht es um ihre Ansprüche an Ordnung in Haiti, nicht um die Lebensbedingungen der Menschen. Gegen die vor den Erdstößen bestehende Ordnung gab es keine großen Einwände (z. B. ganz im Gegensatz zur dauernden Sorge über das benachbarte Unterdrückerregime in Kuba, dessen Ärzte aktuell die einzige nennenswerte Notfallversorgung in Port-au-Prince bewerkstelligen). Solche Ordnung soll wieder her, das Volk war und bleibt abgeschrieben.

Auch die Heerscharen von Hilfsbeflissenen und Spendern, die sich an der Zurückversetzung Haitis in den früheren Zustand eines »ärmsten Landes der westlichen Welt« beteiligen, machen sich meist nicht viel vor über die Absichten der Schirmherren des zynischen »Wiederaufbau«-Projekts. Trotzdem lassen sie sich für deren Zwecke anwerben und setzen damit den moralischen Schein der staatlichen Kalkulationen ins Recht. Die Berechnungen in Washington, Paris, Berlin oder auch Brasilia dürfen sich dann so lange als das »Allgemeinwohl« der »Weltgemeinschaft« anpreisen und aufführen, wie sich jede segensreiche Tat auf der Welt von ihren Machtmitteln abhängig macht. Und so lange geht die Kritik an ihrem Haiti-Engagement folglich so, daß sie zwar »nicht nur«, aber »immerhin« ...

Erschienen in: Junge Welt, 20.1.2010



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