14.01.2010

»Er wollte uns zur besseren SPD stilisieren«

Linke-Geschäftsführer Bartsch ist nicht nur wegen Indiskretion in der Kritik. Ein Gespräch mit Thomas Hartung

Interview: Claudia Wangerin Thomas Hartung ist Mitglied der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag und gehört der parteiunabhängigen Gruppierung Antikapitalistische Linke (AKL) an.

In Ihrer Partei ist eine Personaldebatte um Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch entbrannt, weil er vertrauliche Informationen über Partei- und Fraktionschef Oskar Lafontaine an den Spiegel weitergegeben haben soll. Sie kritisieren Bartsch auch aus Gründen und haben ihn als Hauptverantwortlichen für den Mißerfolg bei der Bundestagswahl 2002 bezeichnet. Woran machen Sie das fest?

Seine strategischen Aussagen in jenem Wahlkampf haben bei mir damals schon Kopfschütteln ausgelöst. In den letzten zwei Wochen vor der Wahl hatte er es darauf angelegt, uns zur besseren SPD zu stilisieren. Der Tenor war: »Wählt die PDS, damit die CDU nicht gewinnt.«

Das hatte aber auch mit der tatsächlichen Ausrichtung der damaligen PDS zu tun. Ihre Linie war nach gängigem Sprachgebrauch sehr »realpolitisch« – ich würde eher sagen, es wurde versucht, die Grenzen zur Sozialdemokratie zu verwischen. Zumindest war das im Osten so.

Der aktuelle Streit wird auch gern als Ost-West-Konflikt dargestellt, wobei der Osten mehrheitlich Bartsch den Rücken freihalte. Sind Sie die Ausnahme von der Regel?

Nein, das ist mit Sicherheit kein Ost-West-Konflikt. Es geht darum, was in den eigenen Reihen von der Linkspartei erwartet wird. Als Dietmar Bartsch beim Bundesparteitag in Dresden zur Wiederwahl stand, wurde ich von meinem zutiefst ostdeutschen Kreisverband ein­stimmig aufgefordert, ihn nicht zu wählen. Es ist ein politischer Konflikt. Die »angekommenen«, etablier­ten Funktionäre und Mandats­träger im Osten wollen am liebsten die Partei genauso fest in der Hand haben wie vor der Vereinigung mit der WASG Aber sie wollen nicht auf den gesellschaftlichen Einfluß verzichten, den sie durch die WASG bundesweit gewonnen haben. Das pluralistische, linke Profil, das sich nach der Vereinigung entwickelt hat, wollen sie am liebsten korrigieren.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Oskar Lafontaine als Integrationsfigur, und wie wird er im Osten wahrgenommen?

Realistisch denkende Menschen in unserer Partei – und vor allem auch die, die nach der Vereinigung zu uns gestoßen sind – wissen genau, daß die heutige Linkspartei ohne WASG und Lafontaine gar nicht diese Bedeutung haben könnte, die sie hat. Die guten Wahlergebnisse in den Ländern haben sehr viel damit zu tun, daß wir für die Menschen als linke Alternative glaubwürdig geworden sind. Im Westen hat die PDS ja zuvor keinen Fuß auf den Boden bekommen.

Sie sagen, die Linkspartei müsse sich entscheiden, ob sie die alte PDS mit einem neuen Namen sein oder eine neue Existenzberechtigung haben will. Was ist damit gemeint?

Meiner Meinung nach können wir nicht zurück zur PDS. Wir müssen lernen, daß die Linkspartei etwas Neues ist. Dazu gehört die Einsicht, daß Regierungsbeteiligungen nicht die einzige und auch nicht immer beste Möglichkeit sind, Politik zu machen. Auch als parlamentarische Opposition mit guten Verbindungen zur außerparlamentarischen Opposition können wir viel bewirken.

Kommentatoren stellen Ihre Meinungsgegner innerhalb der Linkspartei gern als »Pragmatiker« dar, die wenigstens noch ernsthafte Politik machen wollen. Unter welchen Umständen lehnen Sie Regierungsbeteiligungen strikt ab?

Ich lehne Regierungsbeteiligungen nicht strikt ab. Im Gegenteil, sie sind eine Möglichkeit, politisch wirksam zu werden. Es kommt aber darauf an, ob wir in einer Regierung unserer Programmatik gerecht werden können, den Menschen zu helfen. Wenn wir das können, dann sollten wir uns an einer Regierung beteiligen. Wenn wir es nicht oder nur in dem Maße können, wie es auch eine rot-grüne Regierung könnte, müssen wir uns ernsthaft überlegen, ob wir damit nicht unsere Existenzberechtigung als linke, sozialistische Partei aufgeben.

Hätten Sie unter dieser Maßgabe zum Beispiel den Koalitionsvertrag mit der SPD in Brandenburg unterschrieben?

Nein. Die Stellenreduzierung im öffentlichen Dienst ist ein wesentlicher Punkt, warum ich das nicht getan hätte. Allerdings waren die Koalitionsverhandlungen auch durch eine Debatte über die DDR-Vergangenheit überschattet. Die Linke ist sehr weit auf die SPD zugegangen und hat ihr eigenes Programm zurückgestellt.

Erschienen in: Junge Welt, 14.1.2010



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ErstunterzeichnerInnen:

  • Sahra Wagenknecht (MdEP, Parteivorstand Linkspartei.PDS)
  • Ulla Jelpke (MdB)
  • Thies Gleiss (Bundesvorstand WASG)
  • Sabine Lösing (Gründungsmitglied und Mitglied im Länderrat der WASG)
  • Tobias Pflüger (MdEP, parteilos)
  • Nele Hirsch (MdB, Linkspartei.PDS)

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