07.01.2010
An den Chefs scheitern
Der Umweltpolitik ihr Versagen vorzuhalten, geht an der Sache vorbei. In der kapitalistischen Konkurrenz ist es immer fünf vor zwölf
Joe Straubinger
Vor mittlerweile schon wieder rund drei Wochen war es gleich
mehrere Tage lang »fünf vor zwölf«. In allen
Teilen der deutschen Öffentlichkeit – egal, wo sie sich
selbst sonst ideologisch verorten –, hat sich zum
Kopenhagener Klimagipfel eine sehr einheitliche Sprachregelung
verfestigt: In bezug auf das Treffen in der dänischen
Hauptstadt ist von einem »Scheitern« bzw. »
(Politik-)Versagen« die Rede. Die
»Weltgemeinschaft« sei ihrer
»Verantwortung« nicht gerecht geworden.
Von denen, die diese Einschätzung für richtig halten,
scheint es niemanden stutzig zu machen, daß sie von ansonsten
so auf gegenseitige Abgrenzung bedachten Körperschaften wie
der Bundesregierung und der bewegten Linken, dem Bundesverband der
Deutschen Industrie sowie ATTAC und Greenpeace, Grünen, SPD
usw. geteilt wird.
Im Fall der deutschen Regierung und des Kampfverbands des deutschen
Mittelstands kann man im »Scheitern« von Kopenhagen
tatsächlich eine Schädigung ihrer
»Vorreiter-«Interessen deutlich erkennen: Berlin wollte
bei dem UN-Treffen international verbindliche Regeln durchsetzen,
die andere Staaten dazu verpflichten, einschlägige Technologie
in der Bundesrepublik einzukaufen. Deutschland ist auf diesem
Gebiet – noch – Weltmarktführer und betrachtet
Klimapolitik deshalb als einen seiner aktuell wichtigsten Hebel, um
an den Reichtum der Welt heranzukommen.
Zeit ist Geld, in der kapitalistischen Konkurrenz ist es immer
fünf vor zwölf. Kanzlerin Angela Merkel und ihr
Umweltminister Norbert Röttgen (beide CDU) haben dieses
Anliegen um den Jahreswechsel an prominenten Stellen
(Neujahrsansprache/Spiegel-Interview) ausdrücklich noch einmal
zugespitzt. Röttgen sagte mit Verweis auf Exporterfolge mit
Energie- und Umwelttechnik zum Zwei-Grad-Ziel: »Dieses Ziel
ist die Bedingung für unseren Wohlstand.« Es könnte
also jedermann wissen, was auf dem Gebiet der Klimapolitik von den
Allerzuständigsten als »Vorreiterrolle« verstanden
wird, was ihnen also an der Klimapolitik sehr ernst ist und weshalb
sie Kopenhagen als schweren Schlag für die deutschen
Interessen empfinden.
Wie stellt sich der Vorwurf des »Versagens« oder
»Scheiterns«, wenn er von Antikapitalisten oder
Klima-Aktivisten vorgetragen wird, zu diesen deutschen Anliegen? Er
will von den Gründen, warum Deutschland und die anderen
kapitalistischen Führungsnationen Klimapolitik betreiben,
schlicht nichts wissen. Statt dessen ist in den Parolen und
Forderungen auf Transparenten und Webseiten ständig die
Hoffnung unterwegs, die versammelten Staatsführer würden
sich an der Verbesserung der Lebensbedingungen abarbeiten. Die
kommen auf deren Agenden jedoch gar nicht vor. Da geht es um die
Fortexistenz ihrer nationalen Standorte. Mensch und Umwelt sind
dabei Mittel und nicht Zweck.
Mit der in Blogs und auf Straßen devot an die Chefs
gerichteten Bitte, »endlich zu handeln«, erklärt
man sich nicht nur selbst für passiv. Man will sich und
anderen partout den Glauben an die guten Zwecke der herrschenden
Politik erhalten. Denen soll sie bitte »gerecht
werden«. Als dazu passendes Angebot von unten gibt es die mit
der Kritik an der Chimäre »Konsumgesellschaft«
vorauseilende Einsicht in jede von oben ausgegebene
Verzichtsideologie.
Die angeblichen Kritiker der Mächtigen von G8 oder Gx
übernehmen auch die diplomatische Formel, nach der nationaler
Egoismus immer als gutes Anliegen der
»Weltgemeinschaft« zu kommunizieren ist. Diese wird
damit ebenfalls zur Anti-kritik. Mit der völlig inhaltslosen
Forderung nach einem »gemeinsamen Handeln« an die Chefs
und Chefinnen fällt genau die Ursache des Problems weg: Eben
die Angesprochenen setzen doch in ihrer gegenseitigen Konkurrenz
die für Mensch und Natur so ruinösen Bedingungen ins
Werk. Der Reichtum, um den es ihnen geht, besteht schließlich
genau darin, andere von ihren Produkten und Maßnahmen
abhängig zu machen, also zu schädigen. Und allein
dafür soll nun auch die Klimatechnologie taugen. Nur so
übersetzt sich dann auch der Begriff
»Weltgemeinschaft« richtig: als universelle Konkurrenz
der Staaten um die weltweiten Reichtumsquellen.
Das Argumentieren mit den Sprachformeln vom »Scheitern«
bzw. » (Politik-)Versagen« in Kopenhagen ist eine
ernste und schädliche Sache, weil es für die
kapitalistischen Bedingungen weltweit so konstruktiv ist. Ein
kleiner Rekurs: Zwischen den wissenschaftlichen Erstbeschreibungen
der gegenwärtigen, durch den Kapitalismus verursachten
Erderwärmung und ihrer Beförderung zum G-8-Thema lagen
rund 30 Jahre. Was führte zur geänderten Wahrnehmung
durch die Herrschenden? Die eskalierende Bedrohung für die
weltweiten Lebensbedingungen war es wirklich nicht. Da hätten
sie viel zu tun. Sondern vor allem zwei Dinge: Die Benennung der
Folgen in Geldsummen durch die Studie des britischen Ökonomen
David Stern, wodurch sich die kapitalistischen
Führungsnationen von Verursachern in potentielle Opfer des
Klimawandels verwandelten. Und die veränderten
energiepolitischen Kalkulationen angesichts der Dauerkrisen
zwischen imperialistischen Hauptmächten und wesentlichen
Öl- und Gaslieferländern.
Als potentielle Opfer des Klimawandels wollen die mächtigen
Nationen die Welt in die Pflicht nehmen. Der Auftritt Barack Obamas
in Kopenhagen, bei dem der US-Präsident sehr deutlich machte,
daß die anderen Staaten in dieser Frage von den USA
abhängen, zeugte davon. Ähnlich wie in der Finanzkrise
wird die Abhängigkeit der Lebensbedingungen auf der Welt von
den Kalkulationen der reichsten Nationen auf diese Weise nicht zum
Argument gegen dieses zerstörerische Verhältnis namens
Kapitalismus. Sondern zum allgemeinen Auftrag, zum Gelingen dieser
Berechnungen beizutragen. Wer also »Führung«,
»Verantwortung«, »Nicht-Scheitern« und
»Nicht-Versagen« von den Mächtigen der Welt
erhofft, sollte sich klarmachen, daß sein bzw. ihr Anliegen
bei denen gar nicht vorkommt.
Erschienen in:Junge Welt, 7.1.2010