11.06.2006
Erklärung des Treffens am 10. Juni
Gegenmacht organisieren - Gesellschaft verändern. Dieses Land braucht weder eine gespaltene noch eine angepasste, sondern eine starke antikapitalistische Linke!
Auf dem Treffen der Unterstützerinnen und Unterstützer
und Sympathisantinnen und Sympathisanten des Aufrufes
„Für eine antikapitalistische Linke“ am 10. Juni
2006 in Berlin haben sich die anwesenden rund 200 Personen mit
großer Mehrheit auf den folgenden Aufruf
verständigt.
Die Parteineubildung der Linken in der Bundesrepublik gestaltet
sich als widersprüchlicher und deshalb nicht immer einfacher
Prozess. Während sich die Kooperation zwischen WASG und
Linkspartei vielerorts konkretisiert und in die alltägliche
Praxis übersetzt, wird die öffentliche Wahrnehmung von
der Auseinandersetzung um die separaten Kandidaturen in Berlin und
Mecklenburg-Vorpommern dominiert. Diese Auseinandersetzung erweist
sich im doppelten Sinn als Achillesferse der neuen Linken. Erstens
erschwert sie den Parteibildungsprozess und bietet den
konservativen wie neoliberalen politischen Gegnern erhebliche
Angriffsflächen. Zweitens erhöht sie die Barrieren
für eine Diskussion um die berechtigte Kritik an der
Regierungspraxis der Linken und die notwendigen Kurskorrekturen in
Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und in einigen Kommunen. Wir wollen
uns dafür einsetzen, dass die Diskussion inhaltlicher
Positionen zum angestrebten Profil der neuen gemeinsamen Partei
wieder Oberhand gewinnt.
Vor rund zwei Monaten wurde der Aufruf „Für eine
antikapitalistische Linke“ veröffentlicht. Mit ihm haben
wir uns in die Debatte um Strategie und Praxis der neuen Linken
eingemischt. Inzwischen wird der Aufruf von weit über 500
Unterzeichnerinnen und Unterzeichner unterstützt. Das
bestärkt uns darin, auch weiterhin für die in unserem
Aufruf formulierte Position einzutreten und um Unterstützung
dafür zu werben.
Wir wollen, dass es sich die neue Partei zu ihrer Aufgabe macht,
die Debatte über eine grundsätzliche Alternative zum
neoliberalen Kapitalismus wieder in die gesellschaftliche
Diskussion zu bringen. Alle anderen im Bundestag vertretenen
Parteien orientieren sich in ihren Forderungen und politischen
Projekten dagegen nur am Gegebenen und haben keine
Gesellschaftsperspektive, die über das hier und jetzt
hinausweist. Uns geht es stattdessen darum, mit unseren heutigen
Forderungen und unserer Politik die Perspektive einer
sozialistischen Gesellschaft aufzuzeigen. Denn während die
Gesellschaftsform des Kapitalismus die allseitige Konkurrenz zum
bestimmenden Merkmal menschlichen Zusammenlebens macht, die private
Aneignung des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts realisiert
und die Ideologie von der Freiheit des Marktes zu ihrer Absicherung
entwickelt hat, verbindet die sozialistische Perspektive soziale
Gerechtigkeit und gesellschaftliches Eigentum mit dem Ziel
allgemein menschlicher und kultureller Emanzipation.
An diesem Verständnis und Ziel orientiert, werden wir uns im
Rahmen des Parteibildungsprozesses auf Grundlage des Aufrufes
„Für eine antikapitalistische Linke“ in den
nächsten Monaten vor allem auf folgende Schwerpunkte
konzentrieren:
Mobilisierungsfähigkeit stärken – gegen einen
angepassten Regierungskurs
Wir waren und sind uns darin einig, dass eine gesellschaftlich
einflussreiche linke Partei nur entstehen kann, wenn sie in
außerparlamentarischen Bewegungen, Gewerkschaften und
sozialen Initiativen fest verankert ist. Das setzt eine
glaubwürdige anti-neoliberale Politik auf allen Ebenen - im
Bund, in den Ländern und Kommunen - voraus. Für eine
solche Politik einzustehen und gesellschaftliche Gegenwehr gegen
die neoliberalen Diktate der Konzerne zu ermutigen, sollte unser
primäres Bemühen sein. Dazu gehört für uns
auch, die Argumente des Sachzwangs als Instrumente der kulturellen
Herrschaft des Neoliberalismus zu entlarven. Für Regierungen
auf Landesebene, deren Politik diesem Anspruch entgegensteht, muss
gelten: Fortsetzung folgt nicht! Auch der Orientierung auf eine
mögliche Regierungsoption im Bund erteilen wir eine klare
Absage. Als Partner einer neoliberal gewendeten Sozialdemokratie
ist anti-neoliberale Politik nicht möglich. Setzt die neue
Linke dennoch auf diese Karte, zerstört sie perspektivisch die
wichtigste Basis ihrer gesellschaftlichen
Einflussmöglichkeiten: ihre Akzeptanz in
außerparlamentarischen Bündnissen. Diesen Zusammenhang
hat die Linkspartei insbesondere in Berlin längst zu
spüren bekommen. Die neue Linke kann Glaubwürdigkeit
zurückgewinnen, wenn sie deutlich macht, dass sie für
einen neuen politischen Ansatz steht.
Wir werden im Prozess der Parteineubildung deshalb darum ringen,
dass die im Aufruf „Für eine antikapitalistische
Linke“ formulierten Mindestbedingungen für
Regierungsbeteiligungen in der Programmatik der neuen Partei
verankert werden und ihnen in der praktischen Politik Rechnung
getragen wird. Der auf dem Ludwigshafener Parteitag der WASG
beschlossene Leitantrag, der ähnliche Konditionen
enthält, ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.
Auf dieser Grundlage bietet sich die Perspektive einer
Parteistrategie, die ihren Schwerpunkt klar auf die
außerparlamentarische Arbeit und die Organisierung
gesellschaftlicher Gegenmacht legt - und zugleich ihr
parlamentarisches Standbein im Interesse und unter Einbeziehung der
außerparlamentarischen Kräfte nutzt. Die
gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und sozialen
Bewegungen muss eine Selbstverständlichkeit der Linken sein.
Es reicht nicht aus, außerparlamentarische Bewegungen
lediglich anzuhören. Stattdessen müssen sie von
vorneherein gleichberechtigt im politischen Prozess mitwirken
können.
Konsequente Friedenspolitik nach innen und nach
außen:
Gegen Faschismus, Rassismus und Krieg
Die konsequente Ablehnung von Militäreinsätzen,
einschließlich solcher mit UN-Mandat, war und ist Teil der
Programmatik der Linkspartei. Das Abstimmungsverhalten einiger
Bundestags- und Europaabgeordneter und einzelne öffentliche
Äußerungen zeigen allerdings, dass dieses klare
friedenspolitische Profil im Prozess der Parteineubildung infrage
gestellt wird. Solche Bestrebungen werden unter anderem damit
begründet, dass die WASG hierzu noch keine klare
Positionierung habe. Allerdings fällt auf, dass es bei den
Abstimmungen insbesondere Vertreterinnen und Vertreter der
Linkspartei waren, die das Parteiprogramm in diesem Punkt offenbar
bereits für aufgehoben halten.
Unser Ziel muss es sein, das konsequente Nein zu
Militäreinsätzen jedweder Art zu verteidigen und es auch
im neuen Parteiprogramm zu verankern. Soziale Gerechtigkeit und
klare friedenspolitische Grundsätze, zu denen auch die
Unterstützung internationaler Solidaritätsprojekte
gehören muss, sind untrennbar. Beide haben gemeinsame Gegner:
Globale Ungleichheit, Ausbeutung, Profitdominanz. Mit der Absage an
eine klare Friedensperspektive wäre auch die soziale
Alternative infragegestellt.
Zudem werden wir uns auch nach innen für eine friedliche
Gesellschaft einsetzen. Protest und Widerstand gegen zunehmenden
Rassismus, Faschismus und Sexismus, gegen die Ausgrenzung von
Migrantinnen und Migranten, gegen Abschiebungen sowie gegen die
Hochrüstung des staatlichen Repressionsapparates –
beispielsweise durch Bundeswehreinsätze im Inneren - muss
mobilisiert und gestärkt werden. Für eine starke Linke
und für den weiteren Parteibildungsprozess müssen diese
Themen von zentraler Bedeutung sein. Wir setzen uns in diesem
Zusammenhang unter anderem zum Ziel, im Parteiprogramm der neuen
Linken Forderungen wie gleiche Rechte für alle Menschen in
Deutschland, die Wiederherstellung des Grundrechts auf Asyl oder
die Abschaffung der Geheimdienste zu verankern.
Gegen Privatisierung – für die Ausweitung
öffentlichen Eigentums
Der WASG-Parteitag in Ludwigshafen hat eine Kampagne gegen
Privatisierungen beschlossen. Der Parteitag der Linkspartei in
Halle hat den gleichen Antrag zustimmend an den Parteivorstand
verwiesen. In beiden Parteien werden wir uns dafür einsetzen,
dass diese Kampagne gemeinsam realisiert und mit einer
prinzipiellen Debatte über die Konsequenzen von
Privatisierungen und den Stellenwert kommunalen bzw. staatlichen
Eigentums – im Bereich der Daseinsvorsorge, aber nicht nur
dort - verbunden wird. Zudem muss eine Debatte über das
Verhältnis von Verstaatlichung und gesellschaftlicher
Kontrolle und Mitbestimmung geführt werden.
Gerade das allgegenwärtige Thema Privatisierungen ist
geeignet, anhand konkreter Entscheidungen des politischen Alltags
die Frage der Folgewirkungen unterschiedlicher Eigentumsordnungen
im Allgemeinen aufzuwerfen und so die Möglichkeit einer
gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus wieder in die
öffentliche Debatte zu bringen. Auch die jüngsten
Entwicklungen in Bolivien und Venezuela sollten in diesem
Zusammenhang unser positiver Bezugspunkt sein.
Wir setzen uns für eine Anti-Privatisierungskampagne ein, die
so geführt wird, dass sie zum einen hilft, die neue Linke in
außerparlamentarischen Bündnissen zu verankern und diese
in ihrer Arbeit zu unterstützen sowie zugleich dazu
beiträgt, das antikapitalistische Profil der neuen Partei zu
schärfen und öffentlich erkennbar zu machen. In diesem
Sinne werden wir uns in die Gestaltung der Kampagne auf den
unterschiedlichen Ebenen einbringen.
Radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem
Lohnausgleich
Der Kampf um die Arbeitszeit und die Höhe der Einkommen hat
den Kapitalismus immer geprägt. Auch heute wird darum die
wichtigste gesellschaftliche Auseinandersetzung stattfinden, bei
der die Linke ohne Abstriche auf die Seite der Lohnabhängigen
stehen muss. Mit der Forderung nach radikaler
Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich werden wir uns
vor allem in der gewerkschaftlichen Diskussion, aber auch in der
Diskussion um das Grundeinkommen und die laufende Kampagne zum
Mindestlohn einbringen. Arbeitszeit, soziale Sicherung und
Mindestlohn sind drei Punkte, die in einem gemeinsamen Kontext
thematisiert werden müssen.
In diesem Zusammenhang sollte eine grundsätzliche Diskussion
über Ausbeutungsmechanismen im realen Kapitalismus und
möglicher Alternativen geführt werden. Dabei sollten
weitere Forderungen zur Stärkung der Gewerkschaften, wie das
Recht auf Generalstreik, aufgegriffen und in der gesellschaftlichen
Auseinandersetzung stark gemacht werden.
Hartz IV muss weg!
Wir setzen uns für eine starke linke Partei ein, die von
gesellschaftlichem Widerstand getragen wird, weil sie auch Teil
dieses Widerstandes ist. In den letzten Jahren war hier vor allem
die Anti-Hartz-Bewegung von Bedeutung. Gerade deshalb muss die neue
linke Partei Proteste gegen die Hartz-Gesetze unterstützen und
in den Auseinandersetzungen auch weiterhin präsent sein.
Vor allem die jetzigen Diskussionen um die „Reformierung der
Hartz-Gesetze“, die von der Bundesregierung vorangetrieben
werden, werden noch mehr Menschen ins Elend stürzen. Die
Diskussion um die Aussetzung der Mietzahlungen wird zu einer
drastischen Erhöhung von Obdachlosigkeit führen. Frauen,
die ohnehin schon die Verliererinnen dieser Reformnen waren, werden
mit noch schlechteren Lebensbedingungen konfrontiert sein. Die
Abschaffung von Sonderzahlungen für Musikschulunterricht und
Bildungsmittel vertieft die Kluft zwischen „armen“ und
„besitzenden“ Bevölkerungsschichten –
ausgetragen auf dem Rücken der Kinder, geschuldet einer
Perspektive, die durch mangelnden Zugang einer optimalen Bildung
bereits früh verbaut wird.
Wir setzen uns nicht das vorrangige Ziel, die Hartz-Gesetze zu
verbessern, denn das würde bedeuten, sie als Bestandteil eines
unmenschlichen und antisozialen Systems zu akzeptieren. Wir wollen
stattdessen auch weiterhin den Protest dagegen unterstützen.
Dabei geht es uns vor allem auch darum, die Kritik an immer
weiteren Repressionen gemeinsam mit den Betroffenen zu artikulieren
und dagegen zu protestieren.
Pluralität in der neuen Linken
Die Alternativen zum gegenwärtigen System wollen wir nicht
für die Menschen, sondern mit ihnen entwickeln. Das
heißt für uns auch, dass in der neuen Partei eine
Pluralität der Meinungen und Positionen verankert werden muss,
weil wir der Ansicht sind, dass nur das breite Bündnis von
bürgerlichen Humanistinnen und Humanisten über soziale
Demokratinnen und Demokraten bis hin zu Sozialistinnen und
Sozialisten und Kommunistinnen und Kommunisten in der
gegenwärtigen Situation in der Lage ist, wirksame Gegenmacht
gegen den neoliberalen Kapitalismus zu entfalten. Das muss auch
für die Beteiligungsmöglichkeiten innerhalb der Partei
gelten:
Im bisherigen Statut der Linkspartei ist Pluralität verankert,
was sich unter anderem daran zeigt, dass die Arbeitsbedingungen von
Arbeits- und Interessengemeinschaften sowie Plattformen und
politischen Zusammenschlüssen und ihre Teilnahme am
innerparteilichen Willensbildungsprozess strukturell abgesichert
werden. Dieser plurale Charakter darf im Zuge der Parteineubildung
nicht entsorgt werden. Wir werden darum ringen, dass
Arbeitsbedingungen und Rechte von IGs und AGs, aber auch von
politischen Zusammenschlüssen und Plattformen im Statut der
neuen Linken gestärkt werden und innerparteiliche
Pluralität damit gewährleistet bleibt. Für uns ist
auch klar, dass Pluralität nur auf dem Papier nicht ausreicht.
Wir werden darum ringen, dass formale Beteiligungsrechte auch
tatsächlich wahrgenommen werden können.
Zweitens halten wir es für wichtig, dass die Formierung der
neuen Partei als politische Neugründung vollzogen wird, an der
WASG und Linkspartei auf gleicher Augenhöhe beteiligt sind.
Die Leitungsfunktionen auf Bundesebene sollten für eine
längere Übergangsfrist paritätisch durch
Vertreterinnen und Vertreter von Linkspartei und WASG besetzt
werden, wie vom Parteitag der WASG in Ludwigshafen beschlossen.
Zugleich sollen am Parteibildungsprozess und in den
zukünftigen Gremien der neuen Partei auch Menschen mitwirken,
die bislang in keiner der beiden Parteien Mitglied sind.
Drittens müssen wir gemeinsam diskutieren, wie demokratische
Strukturen in einer Partei nicht nur aufgebaut, sondern auch
gesichert werden können. Wir wollen keine
Funktionärspartei, in der die Beschlüsse und Vorgaben an
die Mitgliedschaft weitergereicht werden, sondern eine lebendige
Mitgliederpartei, in denen auf allen Ebenen inhaltliche
Diskussionen stattfinden und Positionen in der Mitgliedschaft
entwickelt werden. Wir setzen uns deshalb unter anderem dafür
ein, dass die materiellen Voraussetzungen geschaffen werden,
Funktionen in Leitungsgremien auch ehrenamtlich wahrnehmen zu
können. Ämterhäufungen gilt es zu vermeiden. Die
Offenlegung von Nebeneinkünften von MandatsträgerInnen
sowie die Transparenz parteiinterner Diskussionen und die
organisatorische Absicherung der Beteiligungsmöglichkeit von
Menschen, die nicht Mitglied der neuen Partei sind, aber als Teil
außerparlamentarischer Bewegung oder Mitglieder befreundeter
Parteien kritisch-solidarisch unsere Arbeit begleiten wollen, sind
für uns selbstverständlich.
Für uns ist außerdem klar, dass die Überwindung der
herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in einem ersten
Schritt auch die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und
Männern im politischen Prozess voraussetzt. Deshalb sind wir
für eine geschlechterquotierte Besetzung von allen Gremien und
Ämtern und wollen autonome Frauenstrukturen - wie Frauenplena
- ausbauen und stärken.
Wir rufen alle, die unser Ziel einer starken,
mobilisierungsfähigen und damit gesellschaftlich
einflussreichen antikapitalistischen Linken in der Bundesrepublik
teilen, dazu auf, mit uns gemeinsam für die Umsetzung dieser
Forderungen im Prozess der Parteineubildung zu ringen.