22.06.2007
Gleich und Gleich gesellt sich gern
Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17. Juni 2007
Die Linke ist im Rausch der Vereinigung und glaubt an ihren Erfolg im
Westen. Die SPD aber starrt auf die neue Partei wie das Kaninchen auf
die Schlange. Weil sie nicht weiß, was sie tun soll.
Von Markus Wehner
Das Problem heißt Lafontaine. Von dem fühlen sich viele verraten - auch
Beck. Noch sind die Gräben zu tief. Das zeigt sich vor allem in der
Außenpolitik.
Milch für Kubas Kinder wollen die einen, Solidarität mit den Opfern der
Polizeigewalt, der bundesdeutschen, nicht der kubanischen, fordern die
anderen. Die Dritten verkaufen die üblichen T-Shirts mit einem
verstorbenen Guerrillakämpfer von der Zuckerrohrinsel, die Vierten
wollen immer noch den Palast der Republik in Berlins Mitte retten - in
der verrauchten Flaniermeile vor der Parteitagshalle im Berliner Hotel
Estrel gibt es für jeden Linken etwas. Selbst an die ganz kleinen Linken
ist gedacht. An einem Stand kann man Strampler erstehen - knallrot, mit
der Aufschrift "Frech wie Oskar".
Der tritt um 10.50 Uhr ans Rednerpult. Lafontaine streichelt all die
Unterschiedlichen aus Ost und West, die es an diesem Tag zum
Gründungsparteitag der "Linken" zu streicheln gilt. Er erinnert an die
Sozialdemokraten, die in der DDR in Haft waren, und geißelt im selben
Satz die "Kommunistenverfolgung in der Bundesrepublik".
Die Linke ist in diesen Tagen geradezu besoffen vom Erfolg. Es ist der
Rausch der Vereinigung, die Nach-Wirkung der gelungenen Bremen-Wahl. Nun
glaubt die Linke an den Aufschwung im Westen - Oskar Lafontaine soll
dabei helfen. Schon wird begeistert über zahlreiche Neuzugänge im Westen
berichtet. Mancher linke Bundestagsabgeordnete hofft gar auf
"erdrutschartige Übertritte" von der SPD zur neuen Linken. In Hannover
ist vor wenigen Tagen eine komplette Juso-Hochschulgruppe den Linken
beigetreten - "da ist viel in Bewegung", sagt Bodo Ramelow, der
Architekt der Verschmelzung. Dass der niedersächsische
SPD-Landesvorsitzende Garrelt Duin die Abtrünnigen als "frustrierte
Karrieristen" bezeichnete, wird mit Heiterkeit aufgenommen - heißt es
doch, dass junge Leute in der Linken besser vorankommen als in der SPD.
Die Jusos im Saarland beklagen gerade das. Die Linkspartei ziehe "durch
das Land wie Vertreter einer Kosmetikfirma und bietet angebliche
Karrierechancen an", beschwert sich ihr Vorsitzender. Schon ist nach dem
Bremer Erfolg vom Einzug in die Landesparlamente von Hessen,
Niedersachsen oder Hamburg die Rede. Zwar hat die Partei in Hamburg
nicht einmal genug Kandidaten für die Kommunalwahl. Und Bremen ist ein
besonderes Pflaster, da bekam die DKP schon früher drei bis vier
Prozent. Doch unmöglich scheint ein weiterer "West-Coup" nicht mehr.
Die SPD starrt derweil auf die Linke wie das Kaninchen auf die Schlange.
Eine Strategie, wie die Sozialdemokratie sich ihrer erwehren soll,
existiert nicht. Zudem ist die Partei verunsichert ob der schlechten
Umfragewerte und der herben Kritik an ihrem Vorsitzenden Kurt Beck. Der
Rheinland-Pfälzer ist ein konservativer Mann. Die Linken sind ihm,
anders als anderen in der SPD, kulturell fremd. Beck hat die Parole
ausgegeben: Mit der PDS werde nicht paktiert, "nicht im Westen und nicht
im Bund". Allein im Osten gestehe Beck der Linkspartei einen
"Irren-Bonus" zu, kommentiert ein Linker.
Noch halten sich die meisten SPD-Politiker öffentlich an die Linie. "In
den neuen Bundesländern ist die PDS eine Volkspartei", sagt der junge
SPD-Bundestagsabgeordnete Niels Annen vom linken Flügel der Partei. Dort
gebe es viele jüngere, pragmatische Politiker: "Da könnte der eine oder
andere auch bei uns sein." Deswegen seien Koalitionen im Osten
Deutschlands eine Perspektive. Thüringen etwa, wo Bodo Ramelow als
Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten antritt, könnte eine solche
rot-rote Koalition werden. Im Westen will SPD-Mann Annen für Koalitionen
hingegen "keinerlei Perspektive" sehen.
Doch die Halbwertszeit solcher Ankündigungen ist begrenzt. Vor mehr als
zwölf Jahren, Ende 1994, hatte die SPD unter ihrem damaligen
Vorsitzenden Rudolf Scharping beschlossen, dass es Koalitionen mit der
PDS auch auf Landesebene nicht geben dürfe. Damit sei die Debatte um die
PDS "abgeschlossen", sagte Scharping damals. Vier Jahre später regierte
die SPD in Schwerin mit der PDS. In Berlin setzte Klaus Wowereit 2001
ein rot-rotes Bündnis durch. Es half der durch große Koalitionen
gebeutelten SPD wieder auf die Beine und verdammte die Berliner CDU zum
Schattendasein.
Die alten Abgrenzungsrituale werden aber noch gepflegt. "Der Graben
zwischen der SPD und der PDS ist emotional und politisch abgrundtief",
sagt Sozialdemokrat Wolfgang Thierse. Das emotionale Problem heißt Oskar
Lafontaine. Viele der älteren SPD-Oberen, Franz Müntefering, Peter
Struck, aber auch Beck, fühlen sich von ihm verraten. Dass Lafontaine
sein demagogisches Talent nun dafür nutzt, auf die alte Partei
einzuschlagen, können sie ihm, den sie einst bewundert und geliebt
haben, nicht verzeihen. "Wenn es Lafontaine nicht gäbe, dann wäre viel
möglich", sagt ein SPD-Abgeordneter.
Selbst wenn jedoch der ehemalige SPD-Vorsitzende nicht wäre - die
inhaltlichen Gräben sind bisher zu tief. Das zeigt sich vor allem in der
Außenpolitik. Sie wird im Bundestag weiter von Leuten bestimmt, die in
der DKP groß geworden sind und seitdem wenig dazugelernt haben. Da wird
die Solidarität mit Kuba hochgehalten, die sozialen Rechte in China
gepriesen und die politischen vergessen. Im Nahen Osten sehen große
Teile der Fraktion Israel als den imperialistischen Aggressorstaat. Und
Lafontaine bestärkt diese Haltungen, indem er sein absolutes Nein zu
Militäreinsätzen vor sich her trägt. Dass er einst als Bundesminister
dem Einsatz im Kosovo zugestimmt hat, spielt keine Rolle mehr.
Doch erkennen viele in der Parteiführung, dass die Partei sich in der
Außenpolitik verrannt hat. Ko-Parteichef Lothar Bisky lehnt ein
absolutes Nein zu Auslandseinsätzen ab. "Die Linke muss eine Debatte
darüber führen, in welchem genau definierten Falle militärische Gewalt
in Auslandseinsätzen gerechtfertigt sein könnte", sagt er. "Und wir
werden dabei zu differenzierten Antworten kommen." Bisky kann sich nicht
nur Blauhelmeinsätze vorstellen, "um Völkermord zu verhindern". Er lobt
sogar manche Bundeswehr-Aktion. "Dass die Bundeswehr im Kongo geholfen
hat, die Wahl zu sichern, oder mit Krankenhäusern in
Katastrophengebieten hilft, will ich nicht kritisieren. Überhaupt habe
ich Respekt vor der Leistung der einzelnen deutschen Soldaten, die im
Ausland ihren Dienst tun."
Zeichnet sich hier ein Realismus ab, der auf Dauer auch die Linke im
Bund salonfähig machen wird? Ein Joschka Fischer der Linken ist nicht in
Sicht. Viele schrecken vor dem Thema zurück, denn es birgt
Explosionsgefahr. "Doch wir werden über dieses Minenfeld gehen",
verspricht einer der gemäßigten PDS-Leute. Und spätestens nach einem
außenpolitischen Reifeprozess kann es sich die SPD nicht mehr leisten,
die Linke links liegenzulassen. Als Volkspartei muss sie den Anspruch
auf das Kanzleramt erheben. Die SPD hat schon einmal, durch die Grünen,
erheblich an Substanz verloren. Damals waren die Vorbehalte gegen die
Öko-Partei groß, doch war es der rechte Sozialdemokrat Holger Börner,
der dann in Hessen die erste rot-grüne Koalition einging. Achtzehn Jahre
hat es gedauert, bis Rot-Grün im Bund regierte. Die neue Linke ist
zumindest in ihrem Gewerkschaftsflügel Fleisch vom Fleisch der
Sozialdemokratie.
Dass die SPD ganz schnell dabei wäre, wenn es denn rechnerisch reichte -
daran glauben viele in der Linken. Doch denkt auch Lafontaine nicht,
dass er in zwei Jahren mit Kurt Beck den Koalitionsvertrag aushandelt.
Die Linke ist noch nicht so weit. Linkspartei/PDS und WASG haben alle
strittigen Fragen in den vergangenen zwei Jahren weggeschoben, um die
Fusion nicht zu gefährden. Die Widerstände gegen eine
Regierungsbeteiligung sind in der Linken selbst noch erheblich. Eine
Koalition mit der SPD auf Bundesebene würde sie derzeit zerreißen, sie
würde an den inneren Konflikten zerbrechen.
Doch nach der nächsten Bundestagswahl wird eine Debatte über Rot-Rot und
Rot-Rot-Grün unausweichlich sein. Bis zur Wahl im Jahr 2013 wird, so
hoffen jüngere PDS-Politiker, die Riege der alten Herren - Bisky, Gysi
und Lafontaine - abgetreten sein. Bei der SPD wären die Münteferings und
Strucks nicht mehr dabei. Dann stünden andere vorn, die Generation von
Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und vom Berliner SPD-Bürgermeister
Klaus Wowereit. "Es muss zusammenkommen, was zusammengehört", sagt ein
junger Abgeordneter der Linken.
Quelle: http://www.faz.de